Foto: Ben Pakalski

Pflege ist Teamarbeit

„Wir weinen auch miteinander“

Nie war Teamgeist so gefragt wie heute. Wir zeigen positive Beispiele aus Rheinland-Pfalz. Dieses Mal: Die Gefäßchirurgie des Klinikums Ludwigshafen.

So richtig will zunächst niemand damit rausrücken: Warum hier eine so tolle, freundliche Stimmung herrscht, nur lächelnde Gesichter zu sehen sind. Denn dass hier etwas anders ist, ist dem Besucher klar, sobald er die Tür zur Station aufstößt. Auf der CHO5, der gefäßchirurgischen Abteilung des Klinikums Ludwigshafen, wird gelacht: Ein leises, ermunterndes „Juhu“ aus einem der Krankenzimmer, weil ein Patient, so lässt sich vermuten, Fortschritte macht; liebevolle Worte zu einem weiteren Patienten, der gerade in seinem Bett über den Gang geschoben wird. Zwei Pflegerinnen beugen sich über ihn, sprechen ihm Mut zu – und geben einander sanfte Hinweise. „Achtung, dort, der Hebel.“ „Schau mal hier, das Kissen.“ Keine Hektik, keine strammen Anweisungen, kein bellendes „Mach doch mal“, „pass doch auf“, kein Augenrollen.

Fragt der Besucher nach den Ursachen, dem Geheimrezept, erntet er, wenngleich nicht ratlose, doch verlegene Blicke. Jeder sei einfach offen miteinander, gehe wertschätzend mit dem anderen um, so die Erklärungsversuche, als man sich im Teamzimmer zusammenfindet. Auf dem Tisch: ein geselliges Ensemble aus Salzstangen, Marmorkuchen, Butterkeksen. Es passe einfach menschlich, heißt es. Dennoch: Ist ein tolles Team wirklich Glückssache? Dass einfach die richtigen zusammenfinden? Und: War es denn hier schon immer so?

Harte Probe: 4 Monate Renovierung

Die Station CH05 hat, wie auch andere Abteilungen des Klinikums, einiges mitgemacht: Umstrukturierungen, Einführung neuer Prozesse, die an Abteilungen wie auch an Menschen nicht spurlos vorübergehen. Erst im vergangenen Sommer wurde die Station renoviert. Sommerschließung hieß das. Und für die 17 pflegerischen Mitarbeiter: Umzug in andere Abteilungen, Arbeitseinsätze und Hospitanzen in anderen Kliniken des Hauses. Für ganze vier Monate.

Eine Belastungsprobe für alle. Aber wo es in anderen Einrichtungen zu Konflikten kommen würde, hat es hier geklappt. „Wir wurden auf die Schließung gut vorbereitet“, erinnert sich Gefäßassistentin Anja Jakus: „In einer Teamsitzung wurde mitgeteilt, was auf uns zukommen würde – und gefragt, ob wir Ideen oder Vorschläge hätten, wie wir das gemeinsam managen können.“ Schnell war eine Umzugs-Whatsapp-Gruppe gegründet, man traf sich auch während der Schließung, berichtete einander. „Das hat uns einmal mehr zusammengeschweißt.“ Manche seien sogar in ihrer Freizeit vorbeigekommen, um beim Umzug zu helfen – nicht zuletzt auch, um einander wiederzusehen: „Ja, man hat sich während der Zeit auch vermisst“, sagt Stationsleiterin Mareen Eichenlaub. „Auf den anderen Stationen waren wir ja Gast, auf der CH05 sind wir zu Hause.“

Chefin mit Mut zu Emotionen

Auffallend emotionale Worte für eine Abteilungschefin. Und der Journalistin kommt ein Verdacht: Als sie nachhakt, ob die gute Stimmung im Team vielleicht ein gutes Stück auf die Stationsleiterin zurückzuführen ist, platzt es endlich aus den versammelten Mitarbeiterinnen heraus: aufgeregtes Nicken hier, zustimmendes Lächeln dort. Aha.

Tatsächlich hat Eichenlaub einiges in Gang gebracht, seit sie vor gut sechs Jahren die Stationsleitung, erst stellvertretend, dann gänzlich, übernahm. Mit dem, was ihr hier begegnete, konnte sie sich so gar nicht anfreunden: Die Atmosphäre: kühl. Kollegengespräche: selten. Zu den Teamsitzungen – damals wie heute nicht verpflichtend –, fand sich kaum jemand ein.

Sieben Nationalitäten im Team

Eichenlaub stellte ein frisches Organisationskonzept auf, bracht einige Neuerungen in Gang. Führte ein gemeinsames Frühstück ein, verlegte die Teamsitzungen von den Mittagsstunden in den Abend, 19 bis 21 Uhr. „Ja, klassische Abendessenszeit“, sagt sie schmunzelnd. Es sind gesellige Runden, die so entstehen. Jeder bringt etwas zu essen mit, pfälzische Hausmannskost trifft hier auf serbische oder polnische Spezialitäten oder türkische Baklava. „In unserem Team finden ja gut sechs oder sieben Nationalitäten zusammen“, so Eichenlaub. Hier wird geplaudert, gegessen, geredet. Nein, hier möchte keiner fehlen.

Doch wird hier auch – „und vor allem“, betont Eichenlaub – Fachliches besprochen: der neue verlässliche Dienstplan etwa, der im vergangenen Jahr ebenso eingeführt wurde wie der zentrale Aufnahmeprozess: Die Patienten der CH05 werden seither nicht mehr in der Ambulanz, sondern direkt auf Station aufgenommen, es wurde extra eine neue Stelle geschaffen.

Das Talent zum Führen

Eichenlaubs Rezept ist bezwingend einfach: jeden individuell behandeln, zuhören, auf Bedürfnisse eingehen: „Nicht bei jedem Mitarbeiter passt derselbe Schlüssel.“ Das gilt auch bei der Planung von Nachtschichten. „Es gibt Mitarbeiter bei uns, die ungern Nächte machen.“ Die würden dann nur im Notfall dafür eingesetzt. „Es bringt mir und dem Klinikum nichts, jemanden in den Nachtdienst zu planen, der dann mit Bauchweh auf die Arbeit kommt.“

Man könnte diese Herangehensweise als strategisches Führungskonzept verstehen. Aber viel eher greift hier wohl eine emotionale Intelligenz, sagt die Pflegedienstleiterin und stellvertretende Pflegedirektorin Marion Dietrich: „Es gibt einfach Menschen, die haben – neben aller fachlicher Kompetenz – das Talent zum Führen.“ Doch auch Eichenlaub selbst fühlt sich gut aufgehoben: „Ich kann alles, was mir unter den Nägeln brennt, ungefiltert zur Pflegedienstleitung tragen und weiß, ich werde gehört.“ Ein Ventil nach oben, damit sie nach unten eine gute Führungskraft sein kann.

Lieblingsstation der FSJ-ler

Natürlich rappelt es auch mal auf der CH05. Laut geführte Fachdiskussio­nen in der Küche, Streitereien. Solche Reibereien seien aber nicht persönlicher Natur, sondern geschehen aus „Liebe zum Beruf“, versichern die Pflegefachfrauen. Auch habe mal jemand schlechte Laune. Aber dann werde das offen angesprochen, kurz thematisiert, dann gehe es weiter.

Zu anspruchsvoll sei die Arbeit auf ihrer Station, als dass Reibereien ablenken dürften: Hier liegen viele amputierte Patienten, die gehoben, gedreht werden müssen, auch gibt es viele Todesfälle, muss Abschied genommen werden, müssen Angehörige getröstet werden. Es braucht Kraft für diese Arbeit, und Nerven. Und gute Kolleginnen, bei denen man aufgefangen wird. „Wir können auch miteinander weinen“, sagt Eichenlaub.

Längst hat sich die CH05 zur Lieblingsstation entwickelt: Eine frühere FSJ-lerin kehrte nach ihrer Pflegeausbildung hierhin zurück, eine Auszubildende wünschte sich nach ihrem Examen explizit, doch bitte auf der CH05 arbeiten zu dürfen. Sogar Angehörige von Patienten bewarben sich, nachdem sie die Stimmung hier erlebt haben. Fachkräftemangel? Nicht hier.

Auch als Besucher möchte man gern noch bleiben. Noch einen Keks nehmen, weitere Anekdoten der Station hören, mit all den klugen Frauen über aktuelle Fragen der Pflege sprechen. Doch es wird Zeit für den Aufbruch. Kurz bevor die Tür zur CH05 hinter einem zufällt, ist es aber noch einmal kurz zu hören: das Lachen der CH05.

Autorin: Romy König

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