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Notaufnahme

Wie effektiv ist das Manchester-Triage-System?

Grundsätzlich ist nichts gegen das MTS in der Notaufnahme einzuwenden: Zwei Studien zeigen verkürzte Wartezeiten für dringende Fälle. Doch das System ist anfällig für Manipulation

Der Artikel erschien zuerst im Magazin der Pflegekammer Rheinland-Pfalz

In den Notaufnahmen landen nicht nur heikle Fälle: Immer häufiger konsultieren auch Patienten mit Bagatellerkankungen die Notaufnahme und machen die Situation für die Pflegekräfte und Ärzte unübersichtlich. Um schnell einschätzen zu können, wer zuerst Hilfe braucht, wurde das „Manchester-Triage-System“ (MTS) entwickelt. Eine Übersichtsstudie hat nun untersucht, ob das MTS dazu führt, dass dringende Fälle schneller behandelt werden.

Bei dem MTS folgen Arzt oder Pflegefachperson einem festen Bewertungsschema. Daraus ergibt sich die Dringlichkeit auf einer fünfstufigen Farbskala von „sofort“ (rot) über „dringend“ (gelb) bis „nicht dringend“ (blau). Das MTS gibt zu jeder Farbe die Minuten an, die der Patient maximal warten sollte („time to treatment“ TtT, Zeit bis zur Behandlung): von 0 Minuten bei Rot, bis 240 Minuten bei Blau. Im Idealfall sollten also rot und orange eingestufte Patienten mit MTS schneller behandelt werden als ohne Triage, weil sie schneller als dringend identifiziert werden.

15 Minuten weniger Wartezeit bei Schlaganfall

Die Forscher der Universität São Paulo haben zwei qualitativ hochwertige Studien aus den Niederlanden mit zusammen 2.265 Patienten unter die Lupe genommen. Eine Studie untersuchte für alle Patienten, ob sie mit MTS schneller behandelt werden, die andere nur für Schlaganfallpatienten. Beide Male haben Pflegefachpersonen die MTS-Bewertung übernommen. Ergebnis: In beiden Studien wurden dringende Fälle mit MTS schneller behandelt. Patienten mit Schlaganfall mussten ohne MTS im Durchschnitt 75 Minuten warten, mit MTS waren es 60 Minuten.

Anscheinend gibt es einen Vorteil für Patienten mit dringenden Beschwerden

In der Studie mit allen Patienten zeigte sich ebenfalls eine Verbesserung für rot, orange und gelb eingestufte Patienten. Allerdings machen die Autoren hier keine Minutenangabe. Die durchschnittliche Wartezeit für alle Patienten verkürzte sich nicht – das MTS sollte diese ja auch nur für dringende Fälle verringern. Aus den Ergebnissen können noch keine generellen Aussagen abgeleitet werden, weil es nur zwei Studien waren. „Für Patienten mit dringenden Beschwerden scheint sich aber ein Vorteil zu ergeben“, schreiben die Autoren.

MTS ist gut, wenn es um Vitalzeichen geht

Roland Siegel, stellvertretender pflegerischer Leiter der Zentralen Interdisziplinären Notaufnahme am Bundeswehrzentralkrankenhaus in Koblenz, sieht das MTS gemischt: „Es hilft schon, Patienten einzuordnen.“ So werde etwa ein Patient mit kritischen Vitalparametern automatisch als dringend eingestuft – „obwohl Sie ihm erst mal vielleicht nicht anmerken, wie schlecht es ihm geht“. Das MTS helfe, dass solche eher ruhigen, dennoch dringenden Patienten nicht übersehen werden. Gleiches gilt bei den entsprechenden Tracerdiagnosen, wie Thoraxschmerz oder Atemnot.

Bei Schmerzen etwa ist das MTS nicht differenziert genug

Doch zuweilen sei das System nicht differenziert genug. „Wenn etwa ein Patient mit einem Lächeln sagt, er hätte Schmerzen der Stärke 8 bis 10, auf einer Skala bis 10, dann kann das einfach nicht stimmen, auch wenn das Schmerzempfinden jeweils subjektiv in der Empfindung des Patienten liegt. Bei solchen Schmerzen wäre er eigentlich kurz vor einem Kontrollverlust.“ Dennoch müsse dieser Patient dann laut MTS als dringend eingestuft werden. „Und geübte Notaufnahme-Gänger wissen das natürlich auch.“ So verlängern sich dann wieder die Wartezeiten für die wirklich dringenden Fälle.

Das Bundeswehrkrankenhaus Koblenz wechselt daher demnächst auf ein anderes System der Kategorisierung: den Emergency Severity Index (ESI). Auch für ihn gilt: Die Bewertung dürfen nur Pflegefachpersonen mit der Weiterbildung Notfallpflege vornehmen.

Quelle: Cicolo E et al. Effectiveness of the Manchester Triage System on time to treatment in the emergency department: a systematic review. JBI Database System Rev Implement Rep. 2020 Jan;18(1):56-73. https://www.doi.org/10.11124/JBISRIR-2017-003825

(Ausgewählt hat die Studie Martin Dichter (Ph.D.), wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dozent für Evidence Based Nursing (EBN), examinierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Vorsitzender des DBfK Nordwest).

Autorin: Heike Dierbach

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