Fieber messen vor jedem Dienst

„Wenn noch zwei Pflegende ausfallen, habe ich ein Problem“

Ambulante Intensivpflege in Zeiten von Corona: So meistern eine junge Bitburgerin mit kongenitaler Muskeldystrophie und ihr Pflegeteam die Krise.

Die Sonne scheint zwischen den Schiebegardinen hindurch in den offenen Wohn-Essbereich von Anne Knafs Wohnung. Aus einer Box tönt fröhliche Popmusik. „Das ist meine Gute-Laune-Playlist“, sagt sie. Ihre positive Lebenseinstellung möchte sie sich von der Corona-Pandemie nicht nehmen lassen – obwohl eine Ansteckung für die 29-jährige Bitburgerin mit der kongenitalen Muskeldystrophie und eingeschränkten Lungenfunktion vermutlich ernste Folgen hätte. Wie ernst, kann keiner vorhersagen.

Nebenan in der Küche ist Mirjam Klink gerade dabei, Nudeln zu kochen. Die examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin hat heute Tagschicht bei Knaf, die fast rund um die Uhr von Pflegefachfrauen begleitet wird. Normalerweise würde sie gleich den Tisch für zwei Personen decken – doch in Zeiten von Corona läuft alles anders ab. „Ich trage einen Mundschutz, während ich ihr das Essen anreiche – und esse dann später allein“, sagt Klink.

Fieber messen vor jedem Dienst

Insgesamt 16 Pflegefachfrauen arbeiten im Team von Anne Knaf; drei hauptberuflich, die anderen im Minijob. Elf davon haben noch eine andere Beschäftigung in einem Krankenhaus oder einem privaten Pflegedienst. Für Knaf, die momentan nur noch das Haus verlässt, um Zeit an der frischen Luft zu verbringen, sind die Pflegenden neben ihren engsten Angehörigen die einzigen Kontakte – und zugleich ein großes Risiko.

Zwei der Pflegefachfrauen hatten im Krankenhaus bereits Kontakt zu infizierten Personen, und gaben ihre Dienste zum Schutz von Anne Knaf sofort ab. „Zum Glück ist das Team momentan personell ganz gut ausgestattet – aber wenn noch zwei Minijobberinnen oder eine Hauptamtliche ausfallen, habe ich ein echtes Problem“, so Knaf.

Um ihre Klientin vor dem Virus zu schützen, halten sich die Mitarbeiterinnen an feste Verhaltensregeln: Durchgängig Mundschutz tragen, vor jedem Dienst Fieber messen, noch häufiger als sonst Hände waschen und desinfizieren sowie Türgriffe, Schlüssel und Handys regelmäßig desinfizieren. Die Teambesprechung mit dem Pflegedienstleiter halten sie jetzt per Skype ab. „Das ist viel unkomplizierter und wir finden schneller einen Termin, als wenn sich alle an einem Ort treffen“, so Klink. Schon jetzt ist angedacht, die digitalen Besprechungen auch nach Corona beizubehalten.

Ehemalige Mitarbeiterin näht Mundmasken

Für gewöhnlich steht Anne Knaf als ambulante Intensivpatientin, die nachts beatmet werden muss, monatlich ein gewisses Kontingent an Mund-Nasen-Schutzen, Hygienehandschuhen und Desinfektionsmittel zu. Doch nun hat ihr der Lieferant mitgeteilt, dass sie auf der Liste der Empfänger weit hinten stehe – Krankenhäuser würden vorgehen. „Das finde ich zwar nicht gut, aber es ist verständlich. Für mich ist das schließlich nur eine Schutzmaßnahme, aber in den Kliniken sind Patienten, die bereits Covid-19 haben“, sagt sie.

Die Not macht erfinderisch. „Eine ehemalige Mitarbeiterin näht gern – die hat sich kurzerhand auf Mundmasken spezialisiert und beliefert uns jetzt“, so Knaf. Die eine Flasche viruzides Desinfektionsmittel, die sie noch vorrätig hat, bewahrt sie auf – für den Fall, dass es im Team einen Verdachtsfall oder eine Infektion gibt. „Bis es soweit ist, benutzen wir begrenzt viruzides Desinfektionsmittel.“

Shutdown tut auch gut

Mirjam Klink und ihre Kolleginnen achten derzeit auch in ihrer Freizeit sorgfältig darauf, sich keinem unnötigen Risiko auszusetzen. Aktuell heißt das für Sie, dass sie sich nur noch in den eigenen vier Wänden oder auf der Arbeit aufhält und gelegentlich eine Runde spazieren geht. „Mein Mann macht die Einkäufe und an Ostern kommt nicht mal mein ältester Sohn vorbei, der schon von zu Hause ausgezogen ist. Das ist schon schwer für mich“, sagt die 50-Jährige.

Doch sie kann dem Shutdown auch etwas Positives abgewinnen: „Viele Verpflichtungen, zum Beispiel die jüngeren Kinder zum Boxen, Reiten oder Tanzen zu fahren, fallen weg. Das tut auch mal ganz gut.“ In die Notbetreuung muss ihr Nachwuchs zum Glück nicht. „Wir haben einen Au-Pair-Jungen, der passt auf, wenn ich arbeite.“

Tochter, Schwester, Freundin, Mensch

Anne Knaf sieht es mit sehr gemischten Gefühlen, zur sogenannten Risikogruppe zu gehören. „Ich finde es natürlich wichtig, den Menschen bewusst zu machen, dass nicht ausschließlich Senioren besonders gefährdet sind. Aber ich bin nicht nur Teil der Risikogruppe, sondern auch Tochter, Schwester, Freundin und Mensch – und so möchte ich auch gesehen werden.“ Die Krise ist ihrer Ansicht nach auch eine Chance für die Gesellschaft. „Viele Menschen zeigen sich solidarisch und nehmen Rücksicht aufeinander, das gefällt mir“. Für Pflegefachpersonen und andere Berufsgruppen, die grade ihre Gesundheit riskieren um Menschen zu helfen, wünscht sie sich Bonuszahlungen und flächendeckende Covid-19-Tests.

Sorge bereitet der jungen Frau, dass sie im Fall einer Infektion mit dem Corona-Virus ins nächstgelegene Krankenhaus muss und wahrscheinlich keine Begleitperson mitnehmen darf. „Da das nicht die Klinik ist, in der ich sonst behandelt werde, ist da keiner der weiß, was ich brauche und wie meine Versorgung normalerweise abläuft.“

Digitale Übungen mit der Logopädin

Um sich von solchen Ängsten nicht runterziehen zu lassen, vermeidet sie es bewusst, den ganzen Tag Nachrichten zu schauen. „Ich versuche, mich auf die Dinge zu konzentrieren, die mir Spaß machen – zum Beispiel Kochen oder Serien schauen. Einige Dinge, wie Treffen mit Freunden oder die regelmäßige Physiotherapie, fehlen ihr aber sehr. Immerhin kann sie ihre Freunde per Video-Chat sehen, und auch die Atem- Stimm- und Sprachübungen mit ihrer Logopädin macht sie jetzt digital. „Das funktioniert sehr gut“, so Knaf.
https://epaper.pflegemagazin-rlp.de/20_PFL_Juni_2020_Rheinland_Pfalz_epaper.pdf

Autor: Kati Imbeck

Das Foto zeigt Mirjam Klink, examinierte Krankenschwester und Anne Knaf Anfang April 2020.

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Foto: YakobchukOlena - Fotolia.com

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