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Interview

"Vom flächendeckenden Testen sind wir weit entfernt"

"Die Ergebnisse von Antikörper-Tests können eine trügerische Sicherheit vermitteln", meint Prof. Matthias F. Bauer, Direktor des Instituts für Labormedizin, Hygiene und Transfusionsmedizin am Klinikum Ludwigshafen. "Vom flächendeckenden Testen sind wir weit entfernt, wir haben nicht so viele Kapazitäten."

Herr Professor Bauer, welche Tests gibt es überhaupt? Man hört vor allem vom PCR-Test, gelegentlich aber auch von Schnelltests …

Der Test mit dem alle großen Labore und auch wir eine Infektion mit dem Coronavirus nachweisen ist der PCR-Test. Es handelt sich um ein molekularbiologisches Verfahren, um einen Antigen-Test, der es erlaubt, ganz spezifisch das neue Virus SARS-CoV2 nachzuweisen. Es ist mit diesem Test möglich, es nicht nur von anderen Viren, etwa Influenza-Viren, zu unterscheiden, sondern auch von den Viren innerhalb der Gruppe der Coronaviren. Die Erbsubstanz, das Genom des SARS-CoV2 wird spezifisch erkannt, maschinell detektiert und gemessen. Dafür wird ein Abstrich mit einem Watteträger tief im Rachenraum über den Mund oder die Nase gemacht.

Neben den PCR-Tests gibt es noch Schnelltests, die innerhalb von 15 Minuten Antigene nachweisen. Außerdem wird gerade über Antikörpertests diskutiert. Aber keines dieser beiden Verfahren ist bisher wissenschaftlich validiert.

Wie lange dauert es bei Ihnen im Klinikum Ludwigshafen, bis ein Testergebnis vorliegt?

Der reine Testablauf beträgt circa vier Stunden. Die Turn Around-Zeit bis zur Ergebnisübermittlung sechs Stunden, weil das Fachpersonal in den Laboren die Proben natürlich auch vorbereiten muss für die Maschinen.

Aber man hört doch immer wieder von tagelangen Wartezeiten – wie sind die zu erklären?

Zunächst: Der PCR-Test auf SARS-CoV2 wird längst nicht überall durchgeführt. Es sind vor allem die Facharztlabore und die großen Krankenhäuser, Unikliniken etwa, die für dieses neuartige Testverfahren ausgerüstet sind. Das bedeutet: Wenn Gesundheitsämter, Arztpraxen oder kleinere Krankenhäuser die Abstriche machen, müssen sie die Proben erst einmal verschicken. Zum reinen Testablauf kommt also eine nicht unerhebliche Transportzeit hinzu.

Ein weiterer Grund: Da die Nachfrage groß ist, es aber nur wenige große Labore für die PCR-Tests gibt, kommt es zum Flaschenhalt-Effekt. Das alles führt dazu, dass die Getesteten manchmal erst nach drei bis sechs Tagen ihr Ergebnis erfahren.

Die lange Wartezeit bis zum Ergebnis ist ein großes Problem: Menschen mit dem Verdacht auf eine Corona-Infektion werden tagelang im Dunkeln gelassen. Außerdem fehlt den Gesundheitsämtern die gesetzliche Grundlage für die Anordnung einer Quarantäne. Es besteht also die Gefahr, dass ein Infizierter während dieser Zeit weitere Menschen in seiner Umgebung ansteckt, und somit zur Ausbreitung des Virus beiträgt.

Wie sicher ist der PCR-Test – kann es auch falsch negative Ergebnisse geben?

Das kann passieren. Aber nicht, weil der Test mangelhaft ist. Es passiert leider immer wieder, dass der Rachenabstrich nicht nach den geltenden Qualitätsstandards durchgeführt wird. Die Qualität der Abstriche ist jedoch enorm wichtig, weil es anderenfalls zu falsch negativen Ergebnissen kommen kann. Mit der Folge, dass der Getestete die Quarantäne verlässt und das Virus sich weiter ausbreitet.

Ansätze wie in Bayern mit Selbstabstrichen zuhause sehe ich deshalb auch kritisch. Sie bergen die Gefahr, dass die Rate der falsch negativ Getesteten zunimmt. Um das zu verhindern, unterhalten wir ein mobiles spezialisiertes Team mit Unterstützung der Bundeswehr, das die Abstriche vor Ort übernimmt. Zum Team gehören Hygienefachkräfte und spezialisierte Pflegefachkräfte.

Was hat es mit der Diskussion um Antikörpertests auf sich?

Beim PCR-Test wird wie gesagt das Virus, die infektiös wirkende Substanz, direkt nachgewiesen. Der Antikörper-Test hingegen funktioniert indirekter: Es geht darum, im Blut die Reaktion auf eine Virusinfektion nachzuweisen. Diese Reaktion geschieht durch Bildung von Eiweißkörpern, die sich gegen das Virus richten, es neutralisieren und damit die Infektion zum Stillstand bringen.

Bisher ist wissenschaftlich aber nicht geklärt, ob die Antikörper wirklich das Virus neutralisieren und damit eine längerfristige Immunität bewirken. Nur wenn das gegeben ist, können sie vor einer Reinfektion schützen.

Ein weiteres Problem ist die Sensitivität. Das zeigt sich an einer großen Serumprävalenzstudie in Bayern. Dort wurde einer von den Antikörper-Tests, die schon auf dem Markt sind, auf eine größere Kohorte angewendet. Die Frage lautete: Wie viele Teilnehmer der Kohorte bilden Antikörper und sind damit geschützt. Die Durchseuchungsrate, die man daraus ableiten konnte, lag im Promillebereich. Das könnte bedeuten, dass die Tests möglicherweise nicht sehr sensitiv sind. Denn bei Personen, die infiziert waren, aber kaum Symptome zeigten, sind die Antikörper vermutlich gar nicht oder kaum messbar. Patienten mit schwerer Covid-19-Erkrankung hingegen weisen eindeutig Antikörper auf. Deshalb stellt sich auch die Frage, ob eine breite Flächentestung wirklich sinnvoll ist.

Natürlich ist das Interesse an Antikörper-Tests groß. Es geht um das Thema Herdenimmunität für politische Entscheidungen. Aber auch Firmen mit kritischer Infrastruktur möchten gern wissen, welche Mitarbeiter die Infektion bereits überstanden haben, um Ausfällen vorzubeugen. Auch in der Notaufnahme kann diese Information für die Personalplanung hilfreich sein.

Aber die Ergebnisse von Antikörper-Tests können eine trügerische Sicherheit vermitteln. Denn es geht nicht nur um die mangelnde Sensitivität: Auch die Spezifität ist noch nicht überzeugend. Es ist nicht gesichert, dass etwas Falsches gemessen wird, etwa Antikörper gegen eines der anderen seit langem endemisch in der Bevölkerung kursierenden Corona-Viren, die typischerweise nur leichte grippeähnliche Symptome verursachen. Das bedeutet: Wenn der Test positiv ausfällt, also Antiköper nachgewiesen werden, heißt das nicht, dass der Getestete in jedem Fall eine Infektion mit SARS-CoV2 durchgemacht hat. Und das ist kontraproduktiv, weil man die falsch positiven Getesteten in Situationen schicken würde, die für sie gefährlich sind.

Was halten Sie von flächendeckenden PCR-Tests, so wie die Bundesregierung sie offenbar plant?

Vom flächendeckenden Testen sind wir weit entfernt. Wir haben derzeit in Deutschland nicht so viele Kapazitäten. Besser beraten wäre man mit Stufenkonzepten, bei denen es zunächst darum geht, die Risikogruppen zu schützen. Wir denken zum Beispiel darüber nach, andere Krankenhäuser mit zu koordinieren und das Personal dort nach Symptomen zu befragen. So kann man gezielt testen, um auszuschließen, dass übers Personal Patienten angesteckt werden, dabei geht es auch um die ambulant behandelten Patienten.

Auf der anderen Seite ist es sinnvoll Patienten vor der der Aufnahme nach Symptomen zu befragen, sie Fieber messen zu lassen und sie beim geringsten Verdacht dann einen Test nachzuziehen.

Wäre es nicht das Beste, alle Patienten bei Aufnahme zu testen?

Ja, eine flächendeckende Testung wäre sinnvoll. Es wäre allerdings ein mathematisches Problem: Wen wir alle unsere 2.500 Mitarbeiter wöchentlich testen würden, kämen wir auf 150.000 rund Abstriche pro Jahr. Das ist ein enormer Aufwand und eine logistische Herausforderung. Es ist noch unklar, wie diese Untersuchungen refinanziert würden. Das ist für Kliniken wirklich ein Problem.

Wir überlegen gerade, eine Hochdurchsatzplattform für PCR aufzubauen, um damit unsere Kapazitäten so weit zu steigern, dass wir flächendeckend gefährdete Gruppen, sprich alle Patienten und Mitarbeiter sowie Bewohner unserer Altenheime testen können.

Nicht nur ihre eigenen Patienten und Bewohner, sondern gefährdete Gruppen in ganz Rheinland-Pfalz?

Wir sind Koordinationskrankenhaus und könnten im geringen Umfang sicherlich einige Kliniken und Heime mitbedienen. Es ist ja schon sinnvoll, Untersuchungen zu zentralisieren.

Aber es müsste mehrere Lokalisationen geben, denn der Bedarf ist enorm hoch. So wie ich gehört habe, arbeiten die Landesuntersuchungsämter mit Hochdruck an einer Lösung mit mehreren Lokalisationen, um den Bedarf zu decken.

Interview: Kirsten Gaede

Professor Matthias F. Bauer, Direktor des Instituts für Labormedizin, Hygiene und Transfusionsmedizin am Klinikum Ludwigshafen.

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