Foto: Jens Schuenemann

Patientensicherheit

„Untergrenzen bringen nichts“

Die Regierung möchte die Personalausstattung auf Station verbessern. Doch die Geschäftsführerin des Aktionsbündnisses Patientensicherheit ist skeptisch. Möglicherweise verschlechtern die seit Jahresbeginn geltenden Relationen sogar die Patientensicherheit.

Wird sich die Patientensicherheit durch die Personaluntergrenzen verbessern?

Ilona Köster-Steinebach: Grundsätzlich können Pflegepersonaluntergrenzen ein guter Schritt für die Patientensicherheit sein. Das zeigt sich unter anderem in den USA und in Australien. Doch stellt sich bei den Untergrenzen immer die Frage, wie sie ermittelt werden. In Deutschland basiert die Vorgehensweise im Wesentlichen auf einem relativen Ansatz, auf dem Perzentil-Ansatz. Das heißt, man schaut sich die Häuser an, von denen man Daten hat, bringt die Zahlen in eine Reihenfolge und zieht eine willkürliche Grenze bei den schlechtesten zehn oder 25 Prozent. Dann sagt man: Schlechter als die Zahlen dieser Häuser darf die Pflegepersonalrelation nirgendwo werden.

Das führt natürlich bei einer großen Mangelsituation dazu, dass der Mangel festgeschrieben wird. Es handelt sich nicht um eine Relation, die auf pflegewissenschaftlichen Erkenntnissen beruht – also darauf, was eine Pflegefachperson wirklich leisten kann und welchen Pflegebedarf die Patienten haben. Diese Personaluntergrenze spiegelt, so kann man sagen, die Ist-Situation in den schlechtesten Häusern wider. Und das merkt man ihr auch an. Besonders problematisch sind die Vorgaben für die Geriatrie.

Ja, zehn Patienten für eine Pflegefachperson – das ist in der Altersmedizin nur schwer vorstellbar …

Ilona Köster-Steinebach: Das ist die Relation während des Tages. Noch viel schlimmer ist die Nachtschicht – hier ist in der Mindestbesetzung eine Pflegefachperson für 20 Patienten verantwortlich. Auf der Geriatrie liegen Menschen, die mit einer relativ hohen Wahrscheinlichkeit an einer Demenz leiden, vielleicht sogar an einem Delir wegen der Hospitalisierung, die oft eine Hin- und Weglauftendenz haben, die sturzgefährdet oder Ähnliches sind. Und dann diese Anhaltszahlen – das ist schon sehr, sehr schwierig.

Der nächste Punkt ist: Pflegepersonaluntergrenzen können den Effekt auslösen, dass sie nicht als Untergrenzen, als „darunter geht es gar nicht mehr“ verstanden werden, sondern als: Aha, schau mal, bis zu diesem Punkt geht es offensichtlich. Das ist die Crux des Perzentilansatzes. Denn mindestens 75 Prozent der Häuser haben ja – das darf man nicht vergessen – noch eine bessere Pflegepersonalausstattung. Denen aber wird signalisiert: Ihr habt mehr als nötig. Das würde nicht passieren, legte man die Untergrenzen bedarfsorientiert fest.

Wenn Sie sagen, 75 Prozent der Häuser liegen vermutlich ohnehin darüber, warum ist dann die Aufregung in den Geschäftsführungen der Krankenhäuser so groß?

Ilona Köster-Steinebach: Die Aufregung bezieht sich, so glaube ich, vor allem auf die Intensivstationen. Ich habe glaubhafte Berichte gehört, nach denen dort durchaus eine Pflegefachperson für vier bis fünf Patienten verantwortlich ist. Ich würde die Personaluntergrenzen auf den Intensivstationen deshalb noch für eine Verbesserung der aktuellen Lage halten.

Was die Aufregung zudem schürt: Auf ITS kann man die Besetzung vergleichsweise gut messen, weil es hier eine festumrissene Fachabteilung gibt, die sich nicht auflösen oder anders deklarieren lässt. Bei den übrigen drei pflegesensitiven Bereichen – Geriatrie, Kardiologie, Unfallchirurgie – sieht es anders aus. Deshalb werden die Personaluntergrenzen besonders in der Geriatrie keinerlei positive Wirkung entfalten. Die Relationen setzten ja voraus, dass ich eine entsprechende Fachabteilung oder Station habe, die tatsächlich geriatrisch belegt ist. Das ist aber oft nicht mehr so. Also fangen jetzt mühsame Rechenoperationen an, ob eine Station unter diese Personalvorgaben fällt oder nicht.

Da geht es dann um die Mindestbelegung einer Station mit kardiologischen, unfallchirurgischen oder geriatrischen Patienten, nicht wahr …

Ilona Köster-Steinebach: Genau. Gerade bei der Geriatrie, das bestätigen auch die Fachgesellschaften, war es ja ein Fortschritt, dass man tatsächlich geriatrische Stationen ausgewiesen hat, um dort Fachkompetenz zu bündeln.

Die Geschäftsführungen in den Krankenhäusern warnen, durch die Personaluntergrenzen könnten eventuell stark behandlungsbedürftige Patienten nicht mehr aufgenommen werden, weil Pflegepersonal fehle.

Ilona Köster-Steinebach: Das stimmt. Da haben sie vollkommen Recht. Nur muss man sich auch überlegen, ob tatsächlich jeder Krankenhausfall in Deutschland so notwendig und so dringend ist. Wenn es etwa wegen einer Grippewelle eine hohe Belegung gibt, müssen dann in dieser Zeit wirklich sämtliche Hüft- und Knie-TEP-Operationen stattfinden, die ja bei den frisch Operierten auch wieder Pflegebedarf auslösen?

Hinzu kommt: Wir haben sehr, sehr viele Krankenhausfälle im internationalen Vergleich. Einige davon sind sicherlich vermeidbar. Stichwort Arzneimitteltherapiesicherheit: Rund fünf Prozent aller Krankenhausfälle gehen auf eine falsche Medikation zurück! Ärzte verschreiben beispielsweise auch immer noch ganz, ganz viele Medikamente, die eigentlich für ältere Menschen nicht geeignet sind.

Auch finden häufig Rücken-OPs, Herzkatheter-Untersuchungen und ähnliche Dinge statt, die die Patienten möglicherweise nicht bräuchten. Hinzu kommt: Eine schlechte Pflegepersonalausstattung verschlechtert die Kommunikation, es passieren Fehler bei der Arzneimittelgabe, die Händehygiene wird vernachlässigt, man entfernt invasive Katheter nicht rechtzeitig, es kommt zu Infektionen oder Druckgeschwüren. Auch die Krankenbeobachtung gerät in den Hintergrund, man merkt Verschlechterungen nicht. Die Folgeschäden müssen dann auch wieder im Krankenhaus behandelt werden.

Würden Sie sagen, dass Patientensicherheit eigentlich erst dann gewährleistet ist, wenn man sich am Pflegebedarf orientiert?

Ilona Köster-Steinebach: Ja, natürlich. Man muss sich ja überlegen: Was passiert, wenn Pflegende fehlen? Dazu gibt es ja Untersuchungen wie RN4CAST, die bestätigen: Es kommt zu impliziter Rationierung. Es kommt ständig zu der Entscheidung: Was ist jetzt das Wichtigste? Und da können die Pflegefachpersonen noch so gute Entscheidungen treffen: Gute Händehygiene, Krankenbeobachtung und auch der wichtige Bereich der Anleitung zur Selbstfürsorge kommen viel zu kurz.

Aber jetzt gibt es immerhin die Personaluntergrenzen. Wenn nun eine Pflegefachperson auf der Intensivstation vier beatmete Patienten betreuen soll – müsste sie dann jetzt nicht erst recht aufschreien und sagen: So geht es nicht! Immerhin hat sie jetzt ja etwas in der Hand …

Ilona Köster-Steinebach: Das ist eine gute Frage (seufzt). Es gibt seit jeher die Überlastungsanzeigen mit allen Vor- und Nachteilen. Ich glaube, dass die Pflegepersonaluntergrenzen an dieser unbefriedigenden Situation für Pflegekräfte, an dieser Stelle Verantwortung zu übernehmen, nicht wirklich viel ändern. Ich hoffe, dass ich mich irre, aber ich fürchte nicht. Warum? Weil die Pflegepersonaluntergrenzen ja auch nicht jederzeit einzuhalten sind, sondern auch wieder durch diese merkwürdigen Schichtregelungen und Ähnliches modifiziert werden, sodass ein Nachweis der Unterbesetzung im Einzelfall nach wie vor sehr, sehr schwierig ist. Das würde sich nur ändern, wenn schichtgenau gemeldet werden müsste.

Schichtgenaue Meldungen mit öffentlicher Transparenz gibt es bisher nur in der Neonatologie. Aber selbst da ist es so, dass eine Schicht erst dann als unterbesetzt zählt, wenn in zwei aufeinanderfolgenden Schichten beide vollständig unterbesetzt sind. Das heißt, wenn ich strategisch mein Personal so besetze, dass nur jede zweite Schicht unterbesetzt ist, wird keine einzige gezählt und öffentlich berichtet.

Nach allem, was Sie sagen, scheint es so, als könne man froh sein, wenn die Personaluntergrenzen keinen weiteren Schaden anrichten …

Ilona Köster-Steinebach: Nun gibt es dieses Gesetz und es wäre eigentlich sehr, sehr wichtig, so schnell wie möglich zu schauen, welche Wirkung es entfaltet. Dazu müssten wir jetzt ganz dringend Begleitforschung in Gang setzen. Das ist ein ganz wichtiger Punkt, weil die Situation augenblicklich für Pflegende wie für Patienten nicht gut ist. Und wenn sie sich möglicherweise aufgrund des Gesetzes partiell verschlechtern sollte – wir wissen es nicht, es handelt sich um komplexe Systeme, die manchmal ganz unerwartet reagieren – dann muss das so schnell wie möglich deutlich werden. Das Ganze einfach so laufen zu lassen, möglicherweise in Richtungen, die man nicht möchte – das darf nicht passieren.

Ich habe aber nichts von einer Begleitforschung gehört. Es soll zwar Evaluationen durch die Vereinbarungspartner geben, durch DKG und GKV-Spitzenverband. Aber das wäre keine unabhängige Forschung.

Interview: Kirsten Gaede 

Das könnte Sie auch interessieren...

Kommentar

Pflege auf der politischen Agenda

In Bund und Ländern wird die Entwicklung der professionellen Pflege angegangen. Ein Kommentar von Dr. Markus Mai, Präsident der Landespflegekammer.

EU-Bürgerdialog

Merkel muss bei Frage zur Pflege passen

Beim EU-Bürgerdialog diskutierten Trierer mit Angela Merkel. Auf die Frage von Kammervertreterin Birgit Hansen wusste die Kanzlerin jedoch keine Antwort.

Kommentar von Markus Mai

Wir brauchen weitere Pflegekammern!

Pflegefachpersonen in NRW haben ein deutliches Signal gesetzt. Doch damit dürfen die Forderungen an die Politik nicht aufhören.

Schulungen einfordern

Notfallübungen: Machen Sie Druck!

Viele Pflegefachpersonen haben Angst, bei Notfällen auf Station oder im Wohnumfeld zu versagen. Was dagegen hilft? Regelmäßige Übungen einfordern!