Image
ok_Schwerpunkt_BestPractice2_23.jpeg
Foto: Illustration: Good Studio / adobe.stock.com

Pflege und Medizin

So klappt es mit der Zusammenarbeit

Ja, dann bemühen wir uns und arbeiten ab morgen irgendwie besser zusammen … – nein, so wird das nichts. Für eine gute Beziehung zwischen Medizin und Pflege sind konkrete Schritte nötig. Welche das sind, zeigen zwei Kliniken in Rockenhausen und Regensburg.    

Die Psychiatrie gilt als vorbildlich. Aber warum funktioniert es gerade hier so gut? Ist es eine Typ-Frage? Die Pflegedienstleitung Grit Landua und der Chefarzt der Klinik für Psychiatrie in Rockenhausen, Dr. Andres Fernandez, haben eine andere, tiefer greifende Erklärung: „Unsere Patienten verhalten sich aufgrund ihrer psychiatrischen Erkrankung oft unterschiedlich – je nachdem, ob sie etwa gerade einem Therapeuten, einer Pflegefachperson oder einer Ärztin gegenüberstehen. Diese gesamte Verhaltenspalette zu kennen, ist wichtig für eine erfolgreiche Therapie. Deshalb sind die Berufsgruppen in der Psychiatrie geradezu gezwungen, viel miteinander zu kommunizieren.“ Heißt das, dass die interdisziplinäre Zusammenarbeit für somatische Disziplinen nur Schnörkel ist? Nett, aber entbehrlich? Keinesfalls, meint Pflegedienstleitung Anna Mahnke vom Universitätsklinikum Regensburg (UKR): Seit 2016 hat sie zusammen mit Professor Dr. Martina Müller-Schilling, Klinikdirektorin der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin I des UKR, eine Form der Zusammenarbeit entwickelt, die jeden Winkel der Klinik für Innere Medizin I erfasst: „Wir arbeiten, forschen, lehren und managen gemeinsam“, sagt die Diplom-Pflegewirtin. Mit großem Erfolg: Durch ihre interdisziplinäre Zusammenarbeit – als Regensburger Modell bekannt – haben sich Mitarbeiter- und Patientenzufriedenheit sowie die ökonomische Situation der Klinik verbessert.         

Fachlich liegen die Psychiatrische Klinik in Rockenhausen und die Innere Medizin I am UKR sicherlich recht weit auseinander. Doch was sie konkret für die Interdisziplinarität unternehmen, ähnelt sich sehr:

• Es gibt auf jeder Ebene eine gemeinsame Leitung aus Medizin und Pflege: auf Station, in der Abteilung, in der Klinik. „Bei uns entscheiden beispielsweise Oberärztin oder Oberarzt und Stationsleitung gemeinsam, welche Konzepte umgesetzt werden und wie sie mit Ressourcen umgehen. Da muss man sich einigen. Es ist nicht möglich, dass eine Seite einfach für sich entscheidet“, erzählt Grit Landua, die als Pflegedienstleitung in Rockenhausen zusammen mit Andres Fernandez die Psychiatrische Klinik leitet. Es gilt auch, nach außen gemeinsam aufzutreten: Im UKR tauchen PDL Anna Mahnke und Klinikdirektorin Martina Müller-Schilling grundsätzlich gemeinsam zu den Budgetverhandlungen mit dem Vorstand auf. 

• Es gibt regelmäßige Zusammenkünfte beider Berufsgruppen. In Rockenhausen und Regensburg finden tägliche Besprechungen statt: Es geht um besondere Ereignisse, Behandlungsplanung, Entlassungen, Organisatorisches. Anna Mahnke rät, diese Besprechungen im Stehen stattfinden zu lassen: „Die Interaktion ist dann einfach eine andere.“ Oft kommen auch noch andere Berufsgruppen hinzu, etwas Sozialarbeiter, Physiotherapeuten oder Psychotherapeuten.

• In Rockenhausen trifft sich das interdisziplinäre Team außerdem zu Fallbesprechungen.  Auch nehmen viele Pflegefachpersonen an den Balint-Gruppen teil, die woanders oft noch Ärzten vorbehalten sind. In Balint-Gruppen werden Fälle, aber auch die eigenen Gefühle gegenüber Patienten besprochen. In Regensburg werden die Fallbesprechungen oft auch genutzt, um die Patientenhistorie aus ärztlicher, pflegerischer oder wissenschaftlicher Sicht gemeinsam zu diskutieren. 

• Visiten finden in Regensburg und Rockenhausen gemeinsam zu festen Zeiten statt. „Die Regelmäßigkeit ist ganz wichtig. Wenn abgewichen wird, schafft das immer Unruhe“, sagt Grit Landua. In Regensburg nehmen an der Visite auch immer mal wieder Vertreter aus Klinikhygiene, Apotheke und Medizintechnik teil.

Gemeinsame Strategiekonferenzen sind in Regensburg und in Rockenhausen fest eta-bliert. „Bei uns finden sie einmal im Jahr mit dem gesamten interdisziplinären Team statt: Wir schauen zurück und planen das kommende Jahr. Herr Dr. Fernandez, die Oberärzte, Stationsleitungen und ich planen die Themen. Wenn möglich, ziehen wir uns für die Konferenz aus dem Klinikbetrieb zurück und übernachten auswärts“, erzählt Grit Landua.

• In Rockenhausen hat jedes Team bis 2019 einen Tag im Jahr gemeinsam etwas Besonderes zwecks Teambuilding unternommen (Teamtage). „Nach der Corona-Pandemie sollen sie wieder aufgenommen werden“, sagt Grit Landua.

• In Regensburg können Pflegefachpersonen (auch Ärzte) jederzeit eine interdisziplinäre Ethikfallbesprechung einberufen (Anna Mahnke nennt es auch Team-Time-out).

• Gute Erfahrung haben Anna Mahnke und Martina Müller-Schilling auch mit gemeinsamen Angehörigengesprächen gemacht. „Im Sinne eines Shared-Decision-Making“, sagt die Pflegedienstleitung.

Die intensive Zusammenarbeit zwischen Medizin und Pflege hat nicht nur die Leistungsdaten dar Klinik und Poliklinik der Inneren Medizin I am UKR verbessert: In einer Umfrage hat sich jetzt gezeigt, dass die Mitarbeiter der Abteilung die erste Welle der Corona-Pandemie psychisch vergleichsweise gut verkraftet haben. Anna Mahnke: „Wir haben einfach viel mehr miteinander gesprochen. Die Ärzte haben durch ihr medizinisches Wissen bei den Pflegenden viele Ängste ausräumen können. Die Pflege wiederum war nah dran an der Klinikhygiene und konnte die Ärzte mit wichtigen Informationen versorgen und in Schulungen einbeziehen. Durch die Pandemie wurde noch einmal besonders deutlich, wie wichtig eine gute interdisziplinäre Zusammenarbeit ist.“ (kig)

Tipps für die Altenpflege

Die Beraterinnen Barbara Messer und Sandra Masemann empfehlen in ihrem Buch „Die erfolgreiche Pflegekraft“, Telefonkontakte und persönliche Kontakte gut vorzubereiten. Wenn sich beide Seiten noch nicht kennen, zählt dazu,

• mich mit meinen besonderen Kompetenzen vorzustellen, etwa als Bezugspflegekraft, Pflegedienstleitung, Beauftragte zur Koordination der Arztvisiten im Haus, oder, oder …,

• gemeinsam die Prinzipien, Wünsche und Anliegen der Zusammenarbeit (Zeiten, Länge, Dokumentation) zu klären, um Missverständnissen und Missstimmungen vorzubeugen.

Für die alltägliche Zusammenarbeit gilt,

• sich auf die Visitenzeiten der Ärztin einzustellen, alles vorzubereiten, etwa Informationen über Klienten, Vitalwerte, Reaktionen auf die aktuelle ärztliche Therapie,

• den Hausarzt zur monatlichen Teambesprechung einzuladen. „Er könnte sich digital dazuschalten – auch in pandemiefreien Zeiten“, sagt Oliver Weidig, Altenpfleger und Geschäftsführer der ambulanten Intensivpflege AISB in Mainz. „Den Klienten zu begleiten, zu besprechen, wie Fortschritte möglich sind oder Rückschläge abgefedert werden können – das sehe ich schon als Teamarbeit.“

• Im Beisein der Ärztin in der Dokumentation festzuhalten, was sie verordnet hat, sofern sie nicht auch noch vor Ort ihre Verordnung in die schriftliche Dokumentation eintragen möchte,

• Fachlichkeit zu vermitteln: „Erwähnen Sie, dass Sie gerade eine Fachschulung zum Thema Schmerzmanagement gemacht haben und auf dem neuesten Wissensstand sind, verwenden Sie Fachbegriffe“, empfehlen Messer und Masemann. Oliver Weidig hat erlebt, wie ein Altenpfleger dank seiner Fachlichkeit verhinderte, dass ein Klient zu früh aus dem Krankenhaus zurückverlegt wurde.

• zu überlegen, was man von einem Bereitschaftsdienst erwartet, wenn man ihn in der Nacht anruft: „Halte ich eine Krankenhauseinweisung für nötig? Glaube ich, ein bestimmtes Medikament würde helfen? Oder möchte ich, dass er kommt und sich ein Bild macht? Wenn ich klare Vorschläge mache, vermittele ich Kompetenz. Es ist dann sehr wahrscheinlich, dass sich mein Gegenüber darauf einlässt“, sagt Oliver Weidig, der auch Mitglied im Vorstand der Pflegekammer Rheinland-Pfalz ist. (kig)

Mehr über die Arbeit der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz lesen Sie in der Ausgabe #23 des Kammermagazins.

Das könnte Sie auch interessieren...

Foto: Lisa Treusch

Berufsordnung

Berufsordnung - die häufigsten Fragen der Mitglieder

Die Berufsordnung ist in ihrer Deutlichkeit und Konsequenz ungewohnt für Pflegefachpersonen. Sie steht für ein neues Selbstverständnis. Kein Wunder, dass viele Fragen aufkommen. Wir fassen die häufigsten Fragen für Sie zusammen und geben Antworten.

Foto: Logan Weaver - unsplash

Feierliches Versprechen

Das Gelöbnis der Pflege

Die Berufsordnung (BO) beginnt mit dem (freiwilligen) feierlichen Versprechen. Mancher mag einwenden: zu pathetisch, zu ritualisiert. Doch gerade das gefällt vielen Mitgliedern.