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PFLEGETAG RHEINLAND-PFALZ

Rückenschmerzen müssen nicht sein

Auch die BGW ist auf dem diesjährigen Pflegetag mit einer Session vertreten. Wir sprachen mit dem stellvertretenden Leiter des Präventionsdienstes Mainz, Stefan Kuhn, über das Thema Rückenschmerzen im Pflegeberuf.

Herr Kuhn, auch die Berufsgenossenschaft ist auf dem Pflegetag vertreten. Es geht bei Ihnen um vieles, von Arbeitsplatzgestaltung über Hautschutz bis zu Gewalt. Dauerbrenner ist sicherlich die Rückengesundheit. Woher kommen die meisten Rückenbeschwerden?

Nur ein geringer Prozentsatz hat tatsächlich eine körperliche Ursache, etwa Skoliose, Osteoporose, Bandscheibe oder Rheuma. Die allermeisten sind unspezifische Kreuzschmerzen. Neben hohen Belastungen durch Heben oder Tragen entstehen sie durch einseitige Bewegung und lange, einseitige Haltung. Viele Menschen bewegen sich im Alltag zu wenig und kräftigen Rücken- und Bauchmuskulatur nicht ausreichend. Obwohl Pflegekräfte beruflich ständig auf den Beinen sind, ist auch bei ihnen der körperliche Trainingszustand für die hohe Belastung oftmals nicht ausreichend.

Spielt Stress eine Rolle?

Natürlich. Psychische Belastungen wie Schichtarbeit, das Erleben von Leid und Tod und nicht zuletzt Zeitdruck erzeugen Stress und das führt zu einem erhöhten Muskeltonus. Wir achten dann weniger auf unsere Körpersignale. Irgendwann spüren wir sie gar nicht mehr.

Wie entstehen Rückenbeschwerden im Pflegeberuf?

Auch hier sind einseitige Bewegungen und hohe Belastungen die Ursache. Pflegefachkräfte arbeiten körperlich anstrengend und nutzen zu wenig Hilfsmittel. Hohe Belastungen entstehen insbesondere durch den Transfer und die Lagerung von Menschen. Das müsste nicht sein. Oftmals wird nicht bedacht, dass Menschen auch im physikalischen Sinn eine schwere Last sind. Patiententransfer oder Waschen lassen sich erleichtern, etwa mit einem elektrischen Bett und der richtigen Körperhaltung.

Wie lässt sich ein Arbeitsplatz rückenfreundlich gestalten?

Wir gehen mit der TOP-Methode an diese Frage heran: Technisch-organisatorisch-persönlich. Am Anfang steht T: Wie lässt sich technisch der Arbeitsplatz optimieren? In der Pflege sind das zum Beispiel Lifter und höhenverstellbare Betten. Darüber hinaus gibt es die sogenannten „kleinen Hilfsmittel“ wie Gleitmatte, Rutschbrett oder Bettzügel. Sie kommen vor allem dann zum Einsatz, wenn die betreuten Personen mithelfen können und wollen. Aus- und Weiterbildung in ergonomischer Arbeitsweise ergänzen den Handlungsrahmen.

Wie sieht die Verpflichtung des Arbeitgebers aus?

Die Lastenhandhabungsverordnung regelt die Verpflichtungen des Arbeitgebers auch beim Bewegen von Menschen. Jeder Arbeitgeber muss technische, organisatorische und personenbezogene Möglichkeiten nutzen, um eine Rückenbelastung zu vermeiden beziehungsweise zu reduzieren. Dafür muss er erst eine sogenannte Gefährdungsbeurteilung vornehmen und dann Maßnahmen ergreifen. Dazu gehört auch, Hilfsmittel in ausreichender Anzahl zur Verfügung zu stellen, die Beschäftigten einzuweisen und zu schulen und immer wieder zu kontrollieren, dass sie diese Maßnahmen auch nutzen. Die BGW berät Arbeitgeber mit speziellen Präventionsangeboten.

Wenn nun Beschwerden auftreten: was tun?

Liegt die Vermutung nahe, dass sie am Arbeitsplatz entstehen, hilft die Berufsgenossenschaft. Wir bieten Betroffenen Untersuchungen und Beratung an, zum Beispiel die Rückensprechstunde, das Rückenkolleg mit Arbeitsplatzbegleitung und Refresherkurse. Diese Angebote, wie viele andere, sind für Betroffene kostenlos.

Zum Schluss bitte noch ein paar Tipps!

Das TOP-Prinzip kann jeder anwenden: Was lässt sich technisch, organisatorisch und persönlich optimieren? Der Einsatz von Hilfsmitteln sollte selbstverständlich werden. Gerade die „Kleinen Hilfsmittel“ werden zu selten genutzt. Sie helfen beim sicheren und rückengerechten Arbeiten. Pflegekräfte können Belastungen vermeiden, wenn sie die zu Pflegenden ermutigen, sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten selbstständig zu bewegen. Wir raten auch zu mehr Bewegung im Alltag und zur Kräftigung der Muskulatur. Und natürlich Gefährdungen und Abnutzungen in Beruf und Freizeit reduzieren und durch Übungen ausgleichen.

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