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Klimaschutz

Pflegefall Klima

Der Gesundheitssektor – eine Dreckschleuder: In Deutschland produziert er 5 Prozent der Treibhausgasemissionen und jährlich 4,8 Millionen Tonnen Müll. Das muss sich ändern. Hier berichten Pflege- und Klinikleitungen, welche Maßnahmen Erfolg versprechend und leicht umsetzbar sind.

Mit Genuss gemeinsam das Klima retten? Für Andrea Schantz klingt das nicht ungewöhnlich, es ist Alltag im AWO Seniorenhaus am Rosengarten in Zweibrücken. Mit dem Heimbeirat wurde beispielsweise ein vegetarischer Tag pro Woche festgelegt. Dieser ist nur eine von vielen Maßnahmen, mit denen das Haus seine Klimabilanz verbessert. „Dabei ist es wichtig, am vegetarischen Tag ein echtes Highlight anzubieten, zum Beispiel Pfälzer Dampfnudeln“, sagt die Einrichtungsleiterin. Die Küche spielt überhaupt eine große Rolle: „Es wird wieder mehr wie zuhause gekocht“, sagt Schantz, „also frisch und regional.“ Tüten mit Fertigsoßen sucht man in der Küche in Zweibrücken vergeblich. Neben der Fleischreduzierung sei es ein wichtiges Ziel, die Menge der Speiseabfälle zu verringern. „Je besser wir kalkulieren und bei den Bewohnern die Wünsche abfragen, desto weniger Müll fällt an“, erklärt Schantz. Klar, dass die Pflegekräfte auch die Küche informieren, wenn jemand regelmäßig zwei Scheiben Brot zurückgehen lässt – dann wird künftig reduziert. Zudem wird Abfall konsequent getrennt, was die Restmüllkosten deutlich gesenkt hat.

„Klimafreundlich pflegen“ hat schon 40 Teilnehmer

Die Rhein-Mosel-Fachklinik in Andernach hat ihrer Speisenversorgung sogar das groß angelegte Projekt „Genießen mit Verantwortung“ gewidmet – mit vielen neuen Rezepten und zwei fleischfreien Tagen. Die Mitarbeiter des Pflegedienstes hat Pflegedirektorin Rita Lorse dabei kurzerhand zu „Ernährungsbotschaftern“ berufen. Sie haben in der Küche hospitiert und in Schulungen alles über das neue Konzept gelernt – inklusive guter Argumente, um die Patienten informieren und auf deren Nachfragen und Kritik reagieren zu können. „Dabei geht es auch darum, das Essen appetitlich zu präsentieren“, erklärt Stationsleiterin Vera Braband-Ziss. Zudem steht auch die Müllvermeidung im Fokus: Portionsdöschen, einzelne Käsescheiben in Folie und Pudding in Plastikschalen sind Vergangenheit. Darüber hinaus sind die Patientenakten mittlerweile nahezu papierlos, betont Lorse.

„Das Thema Klimaschutz nimmt seit einigen Jahren richtig Fahrt auf, wenngleich das Coronavirus seit einigen Monaten im Fokus steht. Klimaschutz bleibt für die Menschen aber weiter eines der wichtigsten Themen“, sagt Thomas Diekamp. Er ist Referent für Klimaschutz in der Sozialen Arbeit im AWO-Bundesverband und betreut das Projekt „Klimafreundlich pflegen“. Andrea Schantz ist mit ihrem Haus in Zweibrücken eine von 40 Einrichtungen, die daran teilnehmen und dabei systematisch Klimaschutz betreiben. Weitere Häuser der AWO und auch Häuser anderer Verbände sollen daraus lernen. Neben aller technischen Unterstützung, der Umstellung auf Ökostrom, dem Einbau von Photovoltaikanlagen oder der Heizungserneuerung seien vor allem die Mitarbeiter gefragt, sagt Diekamp: „Sie zu überzeugen und zu motivieren, ist der Schlüssel.“ Dazu gehöre das Thema regelmäßig in die Dienstbesprechungen und müsse Teil der Einarbeitung sein. Eine Folge sei zum Beispiel der sorgsamere Umgang mit Arbeitsmitteln und Ressourcen. Anderswo wird auch versucht, den Dienstplan so zu gestalten, dass die Kollegen Fahrgemeinschaften bilden können. „Ein Viertel aller betrieblichen Umweltmaßnahmen erfordern keine Investitionen“, betont Diekamp.

Klimaschutz-Punkte sammeln per App in Bad Bertrich

Dass schon kleine alltägliche Maßnahmen in Summe zu einer Klimaentlastung beitragen, fasziniert auch Petra Hager-Häusler, Verwaltungsdirektorin der Capio Mosel-Eifel-Klinik in Bad Bertrich. Die Venenklinik nimmt am Projekt „Klimaretter – Lebensretter“ der Viamedica-Stiftung teil. In einer App sammeln die Mitarbeiter Punkte, wenn sie Energie und CO2 einsparen. Stoßlüften und dabei die Heizung abdrehen, Licht aus in ungenutzten Räumen, bei Geräten Standby vermeiden oder doppelseitig drucken – „jeder Einzelne kann viel tun und sich seine Maßnahmen selbst aussuchen“, betont Projektleiter Markus Loh: „Das geht ganz nebenbei und wird auch bei den Pflegekräften sehr positiv aufgenommen.“

AWO in Zweibrücken macht bei „Let's Save The Bees“ mit

Unter den Mitarbeitern sei ein richtiger Wettbewerb entstanden, sagt Petra Hager-Häusler in Bad Bertrich: „Das Projekt macht Spaß.“ Sie will noch mehr Kollegen dafür begeistern und kleine Prämien ausloben. Das Team von PDL Marlies Scheer ist auch dazu übergegangen, Bestellungen stärker zu bündeln, um die Zahl der Anlieferungen zu reduzieren, und ist in weitere Projekte des Hauses eingebunden – wie die Aktion „Save the bees“, bei der zum Schutz der Bienen klinikeigene Rasenflächen nicht mehr gemäht werden.

Einmalartikel auf den Prüfstand stellen

In Zweibrücken ist es zudem gelungen, den Verbrauch von Inkontinenzmaterial weiter zu verringern. Das Pflegeteam macht mit den Bewohnern regelmäßig Toilettentraining und ruft den Materialbedarf jetzt einmal wöchentlich im Zentrallager ab – „individuell für jeden Bewohner“, sagt Andrea Schantz: „Es gilt, das Material ganz gezielt einzusetzen und das auch immer wieder zu bedenken.“ Zudem wurden viele Einmalartikel wie Unterlagen im Bett oder Waschlappen zugunsten der waschbaren Varianten abgeschafft. Und Schantz hat auf allen sieben Etagen und im Bewohnerrestaurant Wasserspender installieren lassen. Dort wird das Wasser jetzt abgefüllt und gesprudelt. Für die Pflegekräfte ist das ein Mehraufwand, doch Schantz hat sie überzeugt. Wichtigster Aspekt hierbei: „Jeder kann zum Klimaschutz etwas beitragen.“ Zudem fällt für die Haustechnik der Transport weg, und auch die Fahrstühle werden entlastet.

Moritz Schad wünscht sich, dass sich die Beschäftigten im Gesundheitssektor künftig noch viel stärker und gemeinsam engagieren. „Klimaschutz ist Gesundheitsschutz“, sagt das Gründungsmitglied der Koblenzer „Health for Future“-Ortsgruppe. Sie beteiligt sich an Demos, organisiert Vorträge und diskutiert bei ihren Treffen, wie sich die Mitglieder im Privaten, am Arbeitsplatz und auf politischer Ebene einbringen können. Die Treffen finden Corona-kompatibel auch in Pandemie-Zeiten statt, zudem werden unter anderem Online-Workshops organisiert. „Die Klimakrise ist die größte Bedrohung für die menschliche Gesundheit“, mahnt Schad, „und wir müssen darauf aufmerksam machen.“

Autor: Jens Kohrs
Foto: Chitto Cancio-on-Unsplash

Links:
Klimaretter Lebensretter = https://klimaretter-lebensretter.co2-app.de/de
Health for Future = https://healthforfuture.de/
Klimafreundlich pflegen – AWO = https://klimafreundlich-pflegen.de/

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