Foto: Bildarchiv, Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin - Charite - Universitätsmedizin Berlin

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Pflege in der NS-Zeit

Ein Blick zurück auf die NS-Zeit zeigt, wie der Berufsstand der Pflege sich von den Nationalsozialisten in Deutschland instrumentalisieren ließ.

Es sind nur zwei lapidare Sätze, doch für Elisabeth Wucke bedeuten sie das berufliche Aus an der Berliner Charité. In einem Brief an die zuständige Aufsichtsbehörde spricht Walter Stoeckel, Leiter der Universitätsfrauenklinik, am 21. August 1933 der Krankenschwester die politische „Zuverlässigkeit“ ab. Während ein anderer Mitarbeiter stramm der neuen – und damit nationalsozialistischen – Linie folge, so Stoeckel, sehe er bei Wucke diese „Überzeugung nicht“. Denunziert von anderen NS-treuen Schwestern, wird die Schwester danach wegen „marxistischer Umtriebe“ entlassen, obwohl selbst der Chefarzt ihr eine Arbeit ohne Fehl und Tadel bescheinigt. Ihr Fehler: Elisabeth Wucke hat für den Betriebsrat kandidiert.

So wie die junge Frau an der Charité trifft es schon kurz nach der nationalsozialistischen Machtübernahme etliche Schwestern und Pflegefachpersonen: Weil sie nicht linientreu genug oder Juden sind. Jüdische Pflegefachpersonen dürfen bereits ab 1933 nur noch jüdische Patienten pflegen und die Pflegeausbildung für Juden darf nur noch an eigenen Schulen stattfinden. Es ist der Beginn der gesellschaftlichen Ausgrenzung in der Pflege und gleichzeitig das Fanal für das wohl düsterste Kapitel der Berufsgruppe. Nur wenige Jahre später werden Schwestern und Pfleger aktiv an der systematischen Ermordung Hunderttausender kranker und behinderter Menschen beteiligt sein.

Dienen statt verdienen: Pflege im Nationalsozialismus

Wer verstehen will, warum viele Pflegende später so willfährig den nationalsozialistischen Zielen folgen werden, muss einen genaueren Blick auf die sozio-ökonomischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Pflege zum Ende der Weimarer Republik werfen. Schon zu jener Zeit kämpft die Pflege mit Arbeitsbedingungen, von denen manche noch heute vielen Pflegefachpersonen seltsam vertraut wirken: Die Löhne sind niedrig, die wöchentlichen Arbeitszeiten mit 60 bis 80 Stunden teilweise extrem hoch und die Aufgaben nicht festgelegt. Hinzu kommen eine schlechte soziale Absicherung, ein genereller Personalmangel und in einigen Bereichen ein niedriges öffentliches Ansehen. Der „Irrenwärter“ in der Psychiatrie gilt nicht gerade als Traumjob.

Die Pflege ist zudem überwiegend weiblich; von den rund 120.000 Pflegefachpersonen im Jahr 1934 stellen Frauen knapp 83 Prozent. Trotz der schlechten Arbeitsbedingungen ist die Pflege bei ihnen beliebt - auch weil die ansonsten zersplitterten Berufsverbände ein Berufsbild zu etablieren versuchen, das die Wissenschaftlerin Agnes Prüfer Mitte der 90er-Jahre als „weiblichen Sonderweg beruflicher Selbstverwirklichung im sozialen Bereich“ beschreiben wird. Die Verbände wollen die Pflege gezielt als eine der wenigen Möglichkeiten für Frauen zur eigenständigen Erwerbsarbeit bei gleichzeitiger sozialer Anerkennung aufbauen.

Autor: Guntram Doelfs

Mehr über die Vinzentinerin Anna Bertha Königsegg, die im Dritten Reich Widerstand leistete, lesen Sie hier.

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