Foto: Kati Borngräber

Interview

Notfälle im Pflegeheim: Standards retten Leben

Einsätze im Pflegeheim bereiteten Notfallsanitäter David Gräter häufig Kopfzerbrechen. Also schrieb er ein Buch über akute Notfälle in der Altenpflege.

Lesen Sie im interaktiven Kammermagazin, in welchen Fällen Pflegefachpersonen bei Nichthelfen eine Haftstrafe droht – und wie Sie sich im Notfall davor schützen.

Außerdem im interaktiven Kammermagazin:

Ein Video-Tutorial zur akuten Notfallversorgung im Pflegeheim. Nicht verpassen!

David Gräter ist Notfallsanitäter, Praxisanleiter und Pädagoge im Gesundheitswesen. Er arbeitet als Lehrer am Städtischen Klinikum Braunschweig. Im Interview spricht er unter anderem darüber, wie Altenpflegefachpersonen kritische, lebensbedrohliche Gesundheitszustände erkennen können – und warum es nicht für alle Bewohner das Beste ist, in jedem Fall die Notfallambulanz zu rufen.

Herr Gräter, Sie sind Notfallsanitäter und Notfallpädagoge – warum haben Sie ausgerechnet ein Buch über akute Notfälle in der Altenpflege geschrieben?

Wenn es zu einem Notfall im Pflegeheim kommt, kann die Pflegefach­person nicht – wie etwa im Krankenhaus – unmittelbar einen Arzt hinzuziehen. In vielen Fällen erhalten Mitarbeiter der stationären Langzeitpflege daher von ihren Vorgesetzten die Anweisung, stets den Rettungsdienst zu rufen, wenn Bewohner über ungewöhnliche Beschwerden klagen. Dabei bleibt oft unberücksichtigt, dass Pflegefachpersonen über die Qualifikation und die Kompetenz verfügen, häufig selbst zu unterscheiden, ob es sich um einen kritischen, lebensbedrohlichen Gesundheitszustand handelt oder nicht.

Warum ist dieser Unterschied so wichtig?

Bei einem kritischen Gesundheitszustand wie etwa schwerer Atemnot oder Bewusstlosigkeit muss der Rettungsdienst gerufen werden – keine Frage. Ist der Zustand jedoch unkritisch, etwa bei Schmerzen im Knie oder erhöhtem Blutdruck ohne zusätzliche Symptomatik, reicht es im Allgemeinen aus, wenn sich der Hausarzt, der kassenärztliche Bereitschaftsdienst oder auch eine gut ausgebildete Pflegefachperson um den Bewohner kümmert. Unterscheiden Altenpflegefachpersonen dies korrekt und handeln entsprechend, können die Bewohner davon profitieren. Außerdem ermöglicht es einen zielgerichteten und korrekten Einsatz der Rettungsdienste. Die Rettungsfachkräfte nehmen die Betroffenen in der Regel zur weiteren Untersuchung mit ins Krankenhaus. Die ambulante Versorgung von Betroffenen durch die Rettungsdienste ist, auch in unkritischen Fällen, in der Regel nicht vorgesehen. Ein nicht notwendiger Transport in ein Krankenhaus löst bei den Betroffenen Stress aus und belastet sie unnötigerweise – ganz besonders, wenn es sich um einen Menschen mit Demenz handelt.

In Ihrem Buch kritisieren Sie auch das therapiefreie Intervall, zu dem es bei kritischen Notfällen häufig kommt.

Was genau meinen Sie damit?

Das therapiefreie Intervall ist die Zeit zwischen dem Entstehen des Notfalls und dem Einleiten der Erstversorgung. Bis die Rettungsfachkräfte eintreffen, kann es im ländlichen Raum schon mal 20 Minuten dauern. Ist der Zustand kritisch, ist es jedoch besonders wichtig, dass gerade in dieser Zeitspanne lebensrettende Maßnahmen frühestmöglich eingeleitet werden, da sonst irreversible Schäden entstehen können.

Worauf führen Sie denn zurück, dass Altenpflegefachpersonen so selten lebensrettende Maßnahmen ergreifen?

Bei den Mitarbeitern herrscht oft Unsicherheit aufgrund fehlender Routine, da akute Notfälle in Pflegeheimen nicht tagtäglich vorkommen. Aber auch die enge Bindung, die häufig zwischen Altenpflegefachpersonen und Bewohnern besteht, kann eine Schwierigkeit darstellen. Zudem kann es zu Konflikten moralischer Art auf der einen Seite und rechtlicher Unsicherheit auf der anderen Seite kommen.

Was muss denn passieren, damit sich das ändert?

Ich empfehle standardisierte Abläufe auch auf organisatorischer Ebene, die von den Einrichtungen transparent kommuniziert und regelmäßig geübt werden – idealerweise mit der vorhandenen Ausstattung und der Unterstützung von freiwilligen Bewohnern des Hauses. Mir helfen solche Routinen in meinem Beruf, standardisiert Prioritäten zu setzen und selbst in stark belastenden Situationen vernünftig zu handeln. Und auch bei der späteren Bewältigung ist es gut zu wissen, trotz starker emotionaler Beteiligung alles in seiner Macht Stehende unternommen zu haben. Standards, wie ich sie in meinem Buch beschreibe, ermöglichen einem ein solch zielgerichtetes und lebensrettendes Handeln.

Interview: Kati Borngräber

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