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Die Flut hat auch die komplette Infrastruktur des Sinziger Standorts der Caritas Werkstätten St. Raphael weitestgehend zerstört.
Foto: Caritas St. Raphael
Die Flut hat auch die komplette Infrastruktur des Sinziger Standorts der Caritas Werkstätten St. Raphael weitestgehend zerstört.

Flutkatastrophe im Ahrtal

„Nichtstun war keine Option!“

Karolin Klawes ist am ersten Tag der Flut als ehrenamtliche Helferin sprichwörtlich ins „kalte Wasser gesprungen“, um vor Ort zu helfen. Ihr Fazit: Pflegefachpersonen müssen auf allen Ebenen in den Katastrophenschutz eingebunden und die Möglichkeit zur selbstständigen Ausübung der Heilkunde muss dauerhaft erweitert werden.

Am 15. Juli 2021 freute sich Karolin Klawes auf ihren Feierabend oder vielmehr auf ihren freien Morgen und eine ganze Woche Auszeit, denn ihr Nachtdienst als Pflegefachperson auf der Intensivstation des Bundeswehrkrankenhauses in ­Koblenz war zu Ende. Der Plan: Ab nach Hause in ihre gemütliche Wohnung in Sinzig, in Ruhe frühstücken und dann ausschlafen. Von der Flutkatastrophe hatte sie während ihrer Nachtschicht bereits gehört, aber rückblickend sagt sie: „Wir sind ja an Hochwasser gewöhnt, da habe ich mir nicht so viele Gedanken gemacht.“ Rund 45 Minuten dauert ihre Autofahrt von Koblenz nach Sinzig. Je näher sie kam, desto klarer wurde der 26-Jährigen, dass sie wohl nicht nur ihr Frühstück würde verschieben müssen: Unvorstellbare Wassermassen hatten in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 die Region Trier und das Ahrtal in der Eifel verwüstet. „Ich wollte unbedingt helfen“, erinnert sich Karolin Klawes. Kaum zu Hause durchforstete sie das Internet, schrieb Nachrichten und E-Mails an Verwandte und Freunde, um sich nach ihnen zu erkundigen. Innerhalb kürzester hatte sie eine lange Liste von Menschen, die sich in Sicherheit bringen konnten, aber ihre Angehörigen darüber informieren wollten. Auf der anderen Seite standen Menschen, die nach Angehörigen suchten. Mit dieser Liste fuhr sie nach Ringen ins Bürgerhaus. Dort hatte eine kleine Einheit des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) einen provisorischen Katastrophenstützpunkt aufgebaut. „Der Aufenthaltsraum war voller Menschen, die in der Nacht evakuiert worden waren“, erinnert sich Karolin Klawes. „Die meisten kamen aus Reha-Kliniken, das waren quasi frisch operierte Menschen, die bereits seit Stunden ohne pflegerische oder ärztliche Unterstützung ausharrten.“ Ärzte waren bereits angefordert, aber es kam niemand.

„Kann ich irgendwie helfen?“

„Ich bin Krankenschwester, kann ich irgendwie helfen?“, war ihre erste Frage. „Wir haben da einige Menschen, denen geht es gar nicht gut“, war die dankbare Antwort des DRK-Teams. Karolin Klawes überlegte nicht lange, zumal sie ohnehin nicht mehr nach Sinzig zurück konnte, da inzwischen alle Brücken gesperrt waren. „Ich habe mit den Menschen gesprochen, Blutdruck gemessen und überlegt: Wem kann ich wie sofort helfen?“ Einige hätten zwar ihre Medikamentenpläne, aber nicht die dazugehörigen Tabletten bei sich gehabt. Viele saßen nach frischen Hüft-OPs viel zu lange auf Stühlen. Sie tat, was sie konnte: schaffte Erleichterung, holte sich telefonischen Rat bei Ärzten. Als viele Stunden später Rettungsassistenten und Ärzte eintrafen, um für eine Überstellung in andere Krankenhäuser zu sorgen, konnte sie detaillierte Auskunft über den Zustand der Evakuierten geben. Kaum war der letzte Patient abgeholt, erreichte das Bürgerhaus die Nachricht, dass es gelungen sei, die ersten Bewohner zweier Altenheime zu evakuieren, die seit 48 Stunden von den Fluten eingeschlossen waren. Sie sollten per Hubschrauber in eine Ringer Turnhalle geflogen werden.

„Alte Menschen, was brauche ich?“

„Das Katastrophenteam in Ringen bestand nach wie vor aus der nur unwesentlich größer gewordenen Mannschaft des DRK – und mir“, erinnert sich die 26-Jährige an diesen Moment. „Nichtstun war für mich keine Option. Ich überlegte: Alte Menschen, was brauche ich dafür? Inkomaterial, Decken, um Menschen lagern zu können, und Pflegepersonal, das sich auskennt. Also startete ich einen ersten Aufruf auf Facebook.“ Keine zehn Minuten später hörten sie bereits einen Hubschrauber kreisen, der die ersten Evakuierten brachte. „Aber der war noch nicht gelandet, da kamen schon die ersten Menschen, die den Facebook-Aufruf gelesen hatten. Sie brachten Decken, Kissen und alles, was sie auf die Schnelle organisieren konnten. Und es kamen die ersten Pflegefachkräfte.“ Die Turnhalle wurde in Windeseile zu einer Art Behelfskrankenhaus mit Feldbetten umfunktioniert. 90 Menschen sollten hier Platz finden. „Die waren zwei Tage lang komplett eingeschlossen. Das Personal hat alles gegeben, konnte aber nichts weiter tun, als die alten Menschen von Etage zu Etage immer weiter nach oben zu bringen. Und eine Rettungsaktion mittels Hubschrauber ist keine sanfte Angelegenheit. Ich hatte wirklich kein gutes Gefühl.“

„Genau das wurde gebraucht“

In den kommenden Stunden füllte sich die Turnhalle mit pflegebedürftigen alten Menschen, „teilweise sehr pflegebedürftig, einige mit Wunden und Kontrakturen“, erinnert sich Klawes. Wir Pflegekräfte arbeiteten Hand in Hand, nahmen die Menschen in der Turnhalle in Empfang, beruhigten sie, tauschten Inkomaterial, machten sie „frisch“ und versorgten sie, soweit das möglich war, mit Essen. Und wir beobachteten. An jedes Bett wurde ein Zettel geklebt, um über die teilweise noch Namenlosen möglichst viele Informationen zusammenzutragen: hoher Blutdruck, starkes Durstgefühl, schlecht orientiert. Die eintreffenden Ärzte ordneten umgehend Infusionen für alle Evakuierten an, aber durch unsere Vorarbeit und unsere fortlaufende Krankenbeobachtung fiel es ihnen leichter, die medizinischen Maßnahmen zu priorisieren. Und genau das wurde hier gebraucht.“

4.000 Tetanusimpfungen

Nach einigen Tagen wurde es in Ringen ruhiger. Die Pflegebedürftigen wurden nach und nach von Altenheimen der Umgebung aufgenommen. „Schwester Karolin“ unterstützte bei der Verlegung, informierte Angehörige, vermittelte und organisierte. Parallel machte sich die Sinzigerin mit freiwilligen Pflegefachpersonen und Ärzten in Zweier-Teams auf den Weg, um direkt in den betroffenen Ortschaften Hilfsgüter zu verteilen und den Bewohnern medizinische Hilfe anzubieten. „Da waren Menschen, die hatten seit sieben Tagen niemanden mehr gesehen. Die waren ganz allein in ihren Schlammhäusern.“ Viele seien traumatisiert gewesen, es sei nicht immer leicht gewesen, sie davon zu überzeugen, Hilfe anzunehmen. Bei ihr seien die Fäden zusammengelaufen, denn es galt, medizinische Hilfsmittel und Medikamente zu organisieren. Vor Ort wurde entschieden, was die Menschen benötigten: Wundversorgung, Medikamente, Impfung. Allein in den ersten beiden Wochen hätten sie über 4.000 Tetanusimpfungen vorgenommen.

„Hier ist noch viel zu tun“

Die Flutkatastrophe im Ahrtal ist nun rund viereinhalb Monate her. Das Einsatzzentrum im Ringer Bürgerzentrum ist längst aufgelöst. Von Normalität ist die Krisenregion jedoch noch weit entfernt. Und auch für Karolin Klawes ist der Alltag ein anderer. „Ich habe einige Zeit lang gedacht, ich hätte mein Lächeln verloren, jeder Regenschauer ließ mich zusammenzucken.“ Aber inzwischen ist alles besser. „Ich war sehr erschöpft, aber es war ja auch eine Art Sprung ins kalte Flutwasser. Aber ich habe viele Erfahrungen gemacht, positive wie negative. Und ich habe sehr tolle Menschen kennengelernt.“ In ihrer Freizeit ist Karolin Klawes weiterhin ehrenamtlich in der Krisenregion unterwegs: „Von Schlamm schippen bis Spenden verteilen: Hier ist noch so viel zu tun.“ Ihren Arbeitgeber hat sie inzwischen gewechselt. „Nach all meinen Erfahrungen möchte ich keine Kompromisse mehr eingehen.“

Pflegekammer im Katastrophengebiet

Rückblickend hätte Karolin Klawes es als hilfreich empfunden, wenn sie als Pflegefachperson mehr Kompetenzen gehabt hätte. „Auch wenn wir in Notfallsituationen ja schon mehr tun dürfen als im normalen Arbeitsalltag, aber es ist nicht nachvollziehbar, warum ich nicht beispielsweise selbsttätig kleine Wunden versorgen oder sogar nähen darf. Pflegekräfte haben sehr viel Fachwissen, im Übrigen auch das Wissen zu entschieden: Hier brauche ich einen Arzt.“ Allein immer wieder zu hinterfragen: „Darf ich das oder mache ich mich jetzt strafbar?“, sei sehr belastend gewesen. Bei allen Fragen oder Unsicherheiten war sie froh, dass sie die Landespflegekammer als Rückendeckung hatte. „Ich war froh, dass die Kammer vor Ort war“, sagt Klawes.

Direkte Verbindung ins Ministerium

Matthias Moritz, Geschäftsführer der Kammer, leitete als Verbindungsperson des Ministeriums für Arbeit, Soziales, Transformation und Digitalisierung Rheinland-Pfalz den Einsatz. „So hatten alle ‚zivilen‘ Pflegefachpersonen eine Art Andockpunkt, eine zentrale Stelle, die uns pflegefachlich, persönlich und übergreifend beraten und informieren konnte und darüber hinaus einen direkten Draht zur Politik hatte.“, erinnert sich Klawes. Seitdem ist ihr klar, wie wichtig es ist, dass Pflegefachpersonen und auch die Kammer als Selbstverwaltung der Pflege in den Katastrophenschutz einbezogen werden. „Theorie und Praxis liegen ja zuweilen weit auseinander. Erst als ich selbst betroffen war, habe ich verstanden, wie wichtig funktionierende Strukturen sind, um in Krisensituationen gute Pflege leisten zu können.“

Flutkatastrophe: Kammer koordiniert Hilfe

Die kurzfristig vom MASTD einberufene „Verbindungsstelle Eingliederungshilfe, Pflege und Betreuung“ hat im Ahrtal unter anderem:

  • Betreuungsstellen eingerichtet und koordiniert, um Kräfte des Katastrophenschutzes und der psychosozialen Notversorgung sowie ehrenamtliche Pflegefachpersonen zu bündeln.
  • Die Lage vor Ort erkundet, um die pflegerische Versorgung beurteilen zu können.
  • Pflegerische Bedarfe an den Betreuungsstellen im Katastrophengebiet ermittelt.
  • Hilfsanfragen in und von Pflegeeinrichtungen koordiniert.
  • Kontakte bei Anfragen psychosozialer Notfallversorgung vermittelt.
  • Die Lage bei Hilferufen in Senioreneinrichtungen beurteilt
  • Die Namen von evakuierten Personen aus Pflegeeinrichtungen weitergeleitet.
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Karolin Klawes hatte als ‚zivile‘ Pflegefachperson durch die Vertreter der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz vor Ort eine zentrale Stelle, die sie und die anderen freiwilligen Helferinnen und Helfer pflegefachlich, persönlich und übergreifend beriet und informierte.
Foto: privat
Karolin Klawes hatte als ‚zivile‘ Pflegefachperson durch die Vertreter der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz vor Ort eine zentrale Stelle, die sie und die anderen freiwilligen Helferinnen und Helfer pflegefachlich, persönlich und übergreifend beriet und informierte.

Lesen Sie mehr über die Arbeit der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz:

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