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Foto: Foto: Lisa Treusch

Editorial

Nah dran am zutiefst Menschlichen

Unterbesetzte Schichten, Einspringen aus dem Frei, Angehörigenbeschwerden, eingeschränkte Kompetenzen. Die Negativliste unseres Berufs ließe sich lange fortsetzen – und noch eindringlicher, so wie bei der Pflegefachperson und Poetry-Slammerin Leah Weigand.

In ihrem Gedicht „Ungepflegt“, das in diesem Jahr über 3,5 Millionen Mal aufgerufen wurde, sagt sie unter anderem: „Ich werde gekniffen, bespuckt und berotzt, ich bin manchmal ganz unmetaphorisch angekotzt, habe mich verrenkt und verhoben …“ Dann aber, zur Mitte hin, nimmt das Gedicht eine plötzliche Wendung, Leah Weigand fängt an aufzuzählen, was unseren Beruf so besonders macht: „Aber ich hab auch schon 100 Jahre alte Hände gehalten – hab in erleichterte Gesichter und dankbare Augen geschaut – mal hörte ich den allerersten Lebensschrei und mal war ich beim letzten Atemzug dabei …“

Genau das ist es, was unseren Beruf trotz seiner Schattenseiten ausmacht: Wir sind in Kontakt mit dem zutiefst Menschlichen, wir arbeiten ganz nah an den ursprünglichen Bedürfnissen. Wir treffen unterschiedlichste Menschen – Bewohner, Patienten, Angehörige und Kollegen – haben bewegende und anregende Begegnungen. Unsere Arbeit ist alles andere als monoton, denn es geht um Existenzielles. Die Sinnfrage, in einigen anderen Berufen durchaus verbreitet, stellt sich uns nicht. Mir fällt auch kaum ein anderer Beruf ein, der so vielfältige Möglichkeiten bietet: Man kann mit alten, mit jungen und auch mit frisch geborenen Menschen arbeiten; chirurgisch, internistisch, psychiatrisch, palliativ und, und, und … in direktem Patienten- oder Bewohnerkontakt, in der Forschung, im Management, in der Pädagogik, ganz nach Neigung und Begabung.

Über diese Sonnenseiten sollten wir ebenfalls sprechen, wenn wir anderen von unserem Beruf erzählen. Das wird uns selbst mit Stolz erfüllen und unser Gegenüber mit Respekt. Und nicht nur das: Manchem, für den die Pflege nie ein Thema war, werden wir so womöglich Appetit auf ein Praktikum oder gleich auf das Studium machen. Das hätte auch den wunderbaren Vorteil, dass wir irgendwann wegen des verstärken Zulaufs – gar nicht mehr so viel über die Schattenseiten der Pflege zu reden bräuchten.

Ihre Brigitte Anderl-Doliwa

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