Foto: Edouard Olszewski

Eins-zu-eins-Pflege

„Mein Boss wiegt 25 Kilo“

Hausbesuch bei Anne Knaf, einer jungen Bitburgerin mit kongenitaler Muskeldystrophie, die fast rund um die Uhr von Pflegefachpersonen begleitet wird.

Ute Meures liebt ihren Beruf als Krankenschwester auf der Intermediate Care Station (IMC) im Brüderkrankenhaus Trier. Mit dem Zeitdruck, den eng getakteten Abläufen und starren Hierarchien kommt sie meistens gut klar. Und wenn sie mal eine Auszeit braucht, findet sie diese nicht nur im Frei, wenn sie Zeit mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern verbringt. Auch ihr Zweitjob hat – im Vergleich zum stressigen Klinikalltag – eine entspannende Wirkung auf sie.

Rund vier bis fünf Tage im Monat ist Meures nebenberuflich bei Anne Knaf tätig, einer jungen Frau mit einer angeborenen kongenitalen Muskeldystrophie (CMD). Im Team mit acht weiteren Pflegefachfrauen von der Sozialstation des Club Aktiv in Trier pflegt und unterstützt Ute Meures die 28-Jährige fast rund um die Uhr. Die Atmosphäre ist freundschaftlich, geradezu familiär.

Damit Anne Knaf selbstbestimmt in ihrer Bitburger Wohnung leben kann, müssen Ute Meures und ihre Kolleginnen sie qualifiziert begleiten und fast rund um die Uhr beobachten.

21,65 Stunden Eins-zu-eins-Pflege pro Tag

Alle Mitglieder des Pflege-Teams von Anne Knaf haben eine dreijährige Ausbildung und Berufserfahrungen, einige sind zudem Fach-Gesundheits- und Krankenpflegerinnen für Intensivpflege. Unter ihnen gibt es nebenberufliche Mitarbeiterinnen wie Ute Meures, sowie Festangestellte in Voll- und Teilzeit. Insgesamt hat Anne Knaf Anspruch auf 21,65 Stunden professionelle Pflege pro Tag, die in eine Tag- und eine Nachtschicht unterteilt sind.

„Cough Assistant“ unterstützt beim Abhusten

DieTagschicht startet gegen sechs oder acht Uhr morgens. Dann schläft Anne Knaf zwar meistens noch, ruft aber zwischendurch, wenn sie umgelagert werden möchte. Nach dem Aufstehen folgen Grundpflege, Anziehen, fertig machen. Über den Tag verteilt reichen die Pflegenden Mahlzeiten an, verabreichen Medikamente, transferieren die 25 Kilogramm leichte Frau und assistieren ihr bei alltäglichen Dingen wie telefonieren oder im Internet surfen.

Bei Bedarf legen sie Anne Knaf einen „Cough Assistant“ an – ein Gerät, dass sie dabei unterstützt, den Schleim abzuhusten. Im Schlaf kommt eine Beatmungsmaske zum Einsatz und die Sauerstoffsättigung muss per Monitor überwacht werden. Außerdem ist Anne Knaf Epileptikerin – auch wenn der letzte Anfall schon vier Jahre her ist.

Eins-zu-eins-Pflege umfasst auch Begleitung ins Konzert, Kino oder Restaurant

Wenn Anne Knaf das Haus verlässt, wird sie ebenfalls von einer Pflegefachperson begleitet. Dreimal in der Woche muss sie zur Krankengymnastik, in der Freizeit stehen Kino, Eisbahn, Konzerte und Restaurants auf dem Programm. „Ich bin zu fit, um von der Außenwelt abgeschottet zu sein“, sagt die Bitburgerin. „Solange ein eigenständiges Leben für mich möglich ist, will ich es beibehalten.“

Pflegefachpersonen werden in der Einzelbetreuung stark in den Alltag ihrer Klienten einbezogen. „Man ist persönlich involviert – da ist es manchmal schwierig, professionelle Distanz zu wahren“, so Ute Meures. In belastenden Situationen hilft der direkte Austausch mit Kolleginnen und Vorgesetzten – allerdings ist dieser aufgrund der dezentralen Arbeitsweise des Teams eingeschränkt.

Pflegefachfrauen gesucht

In der Zeit von 17.42 bis zum Beginn der Nachtschicht um 20.03 Uhr übernimmt Anne Knafs Mutter Irma die Begleitung – dann unterstützt sie ihre Tochter unter anderem beim Duschen, kauft mit ihr ein und isst mir ihr zu Abend. Wenn Not an der Frau ist, springt Irma Knaf als Notlösung ein. Das kommt öfter vor, als ihr lieb ist. „Es gibt Monate, in denen ich mehr als 200 Stunden unentgeltlich arbeite“ sagt die pflegende Angehörige.

Mitarbeiterinnen für Eins-zu-eins-Pflege gesucht

Der Club Aktiv sucht neue Mitarbeiterinnen für Anne Knafs Team. Diese zu gewinnen ist eine Herausforderung. Denn zusätzlich zu dem allgemein herrschenden Fachkräftemangel wan­dern aus der Region in und um Bitburg immer wieder Pflegefachpersonen ins benachbarte Steuerparadies Luxemburg ab.

Trotz dieser Problematik legt die Sozialstation Wert darauf, dass Anne Knaf mitbestimmt, wer für sie arbeitet. „Die Klientin ist der Boss, wenn sie sagt, ,mit der kann ich nicht‘, akzeptieren wir das“, so Pflegedienstleitung Cornelia Schilz.

Um neue Mitarbeiterinnen zu gewinnen, wird Anne Knaf auch selbst aktiv und nutzt die sozialen Netzwerke. So hat sie eigens die Facebook-Seite „Pflegepersonal für Anne“ kreiert, über die sie nicht nur Bewerberinnen findet, sondern auch spannende neue Kontakte knüpft.

Bei Eins-zu-eins-Pflege muss das Bauchgefühl stimmen

Ob bei Bewerbungen über Facebook oder auf klassischem Weg: Die Erfahrung hat gezeigt, dass Anne Knafs Bauchgefühl sie selten trügt. „Natürlich habe ich immer im Kopf, dass ich Mitarbeiterinnen brauche“, räumt sie ein. „Doch da jede vergebliche Einarbeitung auch mich viel Kraft kostet, bin ich bewusst wählerisch.“

Bei Ute Meures und Anne Knaf stimmt die Chemie offensichtlich. Die beiden Frauen wirken sehr vertraut miteinander, fast wie gute Freundinnen, wenn sie gemeinsam in Anne Knafs Wohnzimmer sitzen und fernsehen. Ihren Job im Krankenhaus aufzugeben, kann sich Ute Meures aber nicht vorstellen. Dafür schätzt sie das Wechselspiel zu sehr. „Ich kann beides haben – besser geht’s nicht!“

Text: Kati Borngräber

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