Foto: privat

Abstimmung

"Ja" zur Pflegekammer in Hessen

Roger Konrad ist einer von 55.000 Pflegefachpersonen, die derzeit in Hessen über eine Pflegekammer abstimmen sollen. Im Interview verrät er, was ihn bewegt.

Pflegefachpersonen in Hessen sind noch bis mindestens 20. Juli 2018 dazu aufgerufen, über die Einführung einer Pflegeberufekammer abzustimmen. Ziel der Befragung ist es, ein Stimmungsbild innerhalb der Profession einzuholen. Der examinierte Altenpfleger Roger lebt und arbeitet in Hessen und engagiert sich als Vorsitzender des Vereins "Pflege in Bewegung". Wir haben ihn gefragt, warum er für die Kammer ist.

Herr Konrad, haben Sie schon Ihr Kreuzchen für oder gegen die Pflegeberufekammer in Hessen gemacht?

Roger Konrad: Ich habe die Unterlagen Ende der letzten Woche erhalten – und pro Pflegekammer abgestimmt.

Was spricht aus Ihrer Sicht für die berufsständische Selbstverwaltung in Hessen?

Pflegekammern stehen für Qualitätssicherung, Aufwertung des Berufs und vor allem politische Partizipation. Bislang haben relevante Pflegegruppen und Verbände lediglich ein Anhörungsrecht bei der Politik und sind vom Wohlwollen der politischen Vertreter abhängig. Eine Pflegekammer wird künftig als Ansprechpartner für die Politik zur Verfügung stehen und Pflegeexpertise in die Gesetzgebung einbringen - weil sie die Legitimation dafür hat. So wird Pflege in Zukunft nicht mehr um Gespräche bitten und einzelne Politiker immer wieder von Neuem informieren müssen, sondern kann endlich langfristig Verbesserungen mitgestalten.

Die Abstimmung über eine Pflegeberufekammer in Hessen ist im Mai ohne wahrnehmbare öffentliche Ankündigung gestartet und sollte zunächst bereits bis Ende Juni abgeschlossen sein. Wie stehen Sie dazu?

Die Vorgehensweise des Ministeriums halte nicht nur ich für unglücklich. In zahlreichen Gesprächen mit Vertretern der hessischen Landesregierung konnten wir mit Unterstützung von Kolleginnen und Kollegen verschiedener Fachrichtungen unsere Vorstellungen, Bedenken aber auch unseren Unmut mitteilen - ebenso wie Pflegeverbände und der Landespflegerat. Es wäre sicher zielführender gewesen, bereits im Vorfeld der Befragung einen größeren Zeitraum für konstruktive und flächendeckende Informationsveranstaltungen zur Verfügung zu stellen. Auch eine pflegewissenschaftliche Begleitung, zum Beispiel durch das Hessische Institut für Pflegeforschung (HessIP), wäre sinnvoll gewesen. Das hätte einerseits helfen können, die weit verbreitete Unwissenheit und Unsicherheit abzubauen und darüber hinaus auch für Chancengleichheit in der Informationsweitergabe sorgen können. Aus meiner Wahrnehmung haben vor allem die Kritiker der Kammer die Anfangszeit für polemische Aktionen gegen eine Pflegekammer genutzt.

Was für Aktionen waren das?

Hier verweise ich auf den aktuellen Flyer von ver.di, der mit dem Fragebogen für die Abstimmung intern verteilt wurde und mit den klassischen und zum Teil polemischen Phrasen aufwartet. Sinngemäß heißt es dort: eine Pflegekammer bringt nichts, sie kostet zusätzlich Geld, sie baut zusätzlichen Druck und Bürokratie auf, sie ist unsolidarisch weil sie nur die Fachkräfte betrifft und sie ist nicht für Tariffragen zuständig. Hier wird sehr geschickt und gezielt mit Scheinargumenten agiert - schließlich haben die Kammerbefürworter nie behauptet, dass sich durch eine Kammer sofort spürbar etwas ändert oder sie für Tariffragen zuständig wäre. Da sich ver.di nach wie vor gegen eine Pflegekammer positioniert, habe ich meine Mitgliedschaft kürzlich gekündigt. Fakt ist leider, dass sich in den letzten 25 Jahren innerhalb der Pflegeberufe nicht wirklich etwas verbessert hat - und das trotz Gewerkschaft. Und auch die sozialromantische Idee, dass es die Politik schon irgendwann richten wird, halte ich für einen Trugschluss, was an den aktuellen Entwicklungen wie der Pflegeberufereform oder den bisherigen Bemühungen in Sachen Sofortprogramm für die Pflege deutlich wird.

Aufgrund von organisatorischen Problemen im statistischen Landesamt wurde der Zeitraum der Befragung in Hessen nun bis mindestens 20.07.2018 ausgeweitet. Haben Sie und andere engagierte Pflegefachpersonen in Hessen vor, die so gewonnene Zeit für Pro-Kammer-Aktionen zu nutzen?

Die Verlängerung des Befragungszeitraumes ist definitiv richtig und wichtig. Und sie bestätigt letztlich unsere Auffassung, dass eine solche Befragung nicht in einem Hauruckverfahren durchführbar ist.

Die Informationsweitergabe zum Thema lief und läuft bereits - hier sind wir neben dem Landespflegerat und dem Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe dabei, auch die positiven Aspekte einer Kammer hervorzuheben. Allerdings sind wir hier auch auf die Neutralität und Unterstützung der Arbeitgeber angewiesen, damit neben den Unterlagen zur Befragung und den Kontra-Punkten auch die Pro-Argumente weitergegeben werden.

Welches sind die drängendsten Themen, derer sich eine Pflegekammer in Hessen annehmen müsste?

In erster Linie geht um Mitsprache bei politischen Entscheidungsprozessen. Berufsordnung und Weiterbildungsordnung sind relevante Punkte und auch das Thema Ethik wird durch eine Pflegekammer mehr in den Fokus der Pflegepraxis rücken. Das braucht aber freilich etwas Zeit und ist nur möglich, wenn sich viele einzelne Pflegefachpersonen aktiv einbringen. In unserer Streitschrift "bewegt euch!", die wir von Pflege in Bewegung im Mai mit dem Mabuse-Verlag veröffentlicht haben, beleuchten wir unter anderem auch einige dieser Aspekte. Wichtig ist mir an dieser Stelle aber noch zu betonen, was eine Pflegekammer nicht macht - nämlich Berufsverbänden oder Gewerkschaften die bisherige Zuständigkeit oder Verantwortung wegzunehmen. Stattdessen könnte sich aus diesen ein funktionierender Dreiklang entwickeln.

Wenn es eine Pflegekammer in Hessen gäbe - was würden Sie sich in puncto Zusammenarbeit mit der Landespflegekammer Ihres Nachbarlandes Rheinland-Pfalz wünschen?

Perspektivisch würde sich eine hessische Pflegekammer natürlich mit Rheinland-Pfalz, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg austauschen. Und auch eine Bundespflegekammer wäre dann sicher nicht mehr weit entfernt. Das Jahrzehnt der Pflege hat bereits begonnen!

Das Interview führte: Kati Borngräber

Mehr Infos zur Abstimmung über eine Pflegeberufekammer in Hessen

Der Landespflegerat Hessen weist auf seiner Homepage auf folgendes hin:

Wer noch keine Unterlagen erhalten hat oder Fragen zum Prozedere hat, kann sich direkt an das Statistische Landesamt in Hessen wenden:

gesundheitswesen@statistik.hessen.de

oder an das Hessische Ministerium für Soziales und Integration, Referat für Gesundheits- und Pflegeberufe:

martin.hofmann@hsm.hessen.de

Zudem bietet der Landespflegerat mit einem Kontaktformular zusätzlich an, in die Einrichtungen zu gehen, um über die Pro-Argumente und Chancen von Pflegekammern zu informieren.

info@landespflegerat-hessen.de

Landespflegerat Hessen

Postfach 550331

60402 Frankfurt am Main

Kurz-Biografie von Roger Konrad

Roger Konrad, Jahrgang 1979, ist Examinierter Altenpfleger im Rhein-Main-Gebiet. Er engagiert sich beim Verein "Pflege in Bewegung e.V.", ist Mitglied im Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK), in der Gewerkschaft Komba und freiwilliges Mitglied der Pflegekammer Rheinland-Pfalz. Seine Mitgliedschaft bei ver.di kündigte er kürzlich, da sich diese nach wie vor gegen eine Pflegekammer positioniert.

Das könnte Sie auch interessieren...

Kammerbewegung in Deutschland

Kammergeflüster aktuell

Wie ist der Stand der Pflegekammern in den Bundesländern? Was tut sich zum Thema Selbstverwaltung der Pflege aktuell?

Umfrage Pflegekammer Hessen

… und plötzlich hat es die Politik eilig

In Hessen stimmen Pflegende über eine Pflegekammer ab. Die Aktion wirkt überstürzt und wurde kaum öffentlich angekündigt, meinen Kritiker.

Gewerkschaft

"Was fehlt, ist eine starke Pflegegewerkschaft!"

Für eine starke Interessenvertretung der Pflegenden braucht es den Dreiklang von Kammern, Gewerkschaften und Verufsverbänden.

Kammerbewegung

Pflegekammer Hessen 2019 – das ist unser Ziel!

Bis 17. August 2017 sammelt der Landespflegerat noch online Unterschriften von Pflegefachpersonen, um die Erreichtung einer Landespflegekammer auch in Hessen ins Leben zu rufen.