Foto: Privat

Gewaltprävention

Interview: Schluss mit den Schuldgefühlen!

Gewaltprävention – Expertin hat Tipps für Pflegende parat.

Dr. Heike Schambortski, ist Leiterin des Gesamtbereichs Präventionsdienste bei der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtpflege (BGW) in Hamburg.
Für die psychischen Folgen von Übergriffen bietet die BGW ihren Versicherten schnelle und unbürokratische psychologische Hilfe. Wir haben uns mit Frau Dr. Schambortski unterhalten, um herauszufinden, welche konkreten Schritte es zur Vorbeugung von Gewalt ge-gen Pflegende gibt.

Wenn eine Pflegefachperson Gewalt seitens eines Patienten oder Pflegebedürftigen erfährt, bringt das nicht selten ein inneres Gefühl des Versagens mit sich. Vielleicht glaubt man sogar noch, es gebe eine Mitschuld, weil man seine Leute irgendwie nicht im Griff hat. Können Sie eine alternative Sichtweise nennen, die produktiver ist?

Als Pflegefachkraft sollte mir bewusst sein, dass Patienten oder Pflegebedürftige krankheits- oder situationsbedingt aggressiv und auch gewalttätig reagieren können. Das passiert auch erfahrenen Fachkräften und ist nicht Ausdruck persönlichen Versagens. Je besser ich darauf vorbereitet bin, dass so etwas vorkommen kann, umso besser kann ich natürlich darauf reagieren und bei den ersten Anzeichen deeskalierend tätig werden. Schuldgefühle und Tabuisierungen verhindern aber eine gute Vorbereitung.

Sich bewusst zu machen, dass so etwas unabhängig von meiner Person passieren kann und es o en im Team anzusprechen, heißt aber nicht, Aggressionen und Belästigungen in diesem Berufsfeld als „normal“ hinzu- nehmen und als etwas, mit dem man zurechtkommen muss, wenn man in der Pflege arbeitet.

Gehen wir noch tiefer in die Thematik „Tabuthema“. Warum handelt es sich hier um ein solches, was bewegt Pflegefachpersonen und Einrichtungen, dieses Problem nicht o en zu kommunizieren?

Sowohl Betroffene als auch Betriebe tun sich zum Teil schwer, mit dem Thema o en umzugehen. In Pflege- wie in Betreuungsberufen wird häufig eine hohe Leidensbereitschaft vorausgesetzt. Es wird viel Verständnis für die Nöte von Patienten und Pfle- gebedürftigen aufgebracht, sodass eigene Verletzungen oder Belastungen dahinter zurücktreten. Beschäftigte meinen, wenn sie sich an Übergriffen und Beleidigungen stören, seien sie nicht für den Beruf geeignet. Oder sie meinen, dass ihr persönliches Fehlverhalten der Grund für das aggressive Verhalten des Patienten oder Pflegebedürftigen ist. Auf betrieblicher Ebene behindern bisweilen Sorgen ums Image die systematische Prävention.

Wenn dieses Tabu gebrochen wird, was sehen Sie da für die Zukunft von Institutionen und Pflegenden?

Alle Beteiligten gewinnen, wenn sie die Tabus aufbrechen. Opfer von Übergriffen erhalten professionelle Hilfe und der Betrieb gewinnt wichtige Erkenntnisse für die künftige Vorsorge. Im Team o en über Gewaltereignisse zu sprechen ermöglicht, aus den Vorfällen zu lernen und geeignete Umgangsweisen zu entwickeln. Neben dem gesetzlichen Schutzauftrag für die Beschäftigten geht es für Unternehmen auch um die eigene Planungssicherheit: Sie sind auf ihr Personal angewiesen. Wo Betriebe effektive Strukturen zur Gewaltprävention aufbauen und in eine betriebliche Präventionskultur einbetten, minimieren sie nicht nur Ausfallzeiten, sondern stärken auch ihr Personal. Untersuchungen zeigen, dass auf Gewaltereignisse gut vorbereitetes Personal sich auch subjektiv weniger dadurch belastet fühlt.

Das Interview führte: Dana Heidner

Das könnte Sie auch interessieren...

Eskalationen verhindern

Arbeitgeber, schützt eure Mitarbeiter!

Wer Gewalt gegen Pflegende vorbeugen will, braucht das Rad nicht neu zu erfinden. Best-Practice-Beispiele zeigen, wie es geht.

Schwerpunktthema

Gewalt gegen Pflegende? Null Toleranz!

Immer wieder kommt es zu tätlichen Angriffen gegen Pflegefachpersonen im Dienst. Damit Prävention gelingt, müssen Betroffene das Schweigen brechen.

Pflegekammer thematisiert Gewalt

Kleiner Hieb, große Wirkung

Gewalterlebnisse müssen nicht schweigend ertragen werden. Interview mit Hans-Josef Börsch, Vorstandsmitglied der Pflegekammer RL-P.

Ausgabe Nr. 07/2018

Kammermagazin interaktiv – Gewalt in der Pflege

Gewalt in der Pflege richtet sich nicht nur gegen Patienten und Pflegebedürftige, sondern auch gegen Pflegefachpersonen – und zwar öfter, als man denkt.