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Julia Schoierer, Expertin für Klimawandel und Medizinpädagogin, ist als Projektleiterin am Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin des LMU Klinikums München tätig.
Foto: Illustrationen: Adobe Stock/Have a nice day, Julija // Foto: Kirsty Pargeter
Julia Schoierer, Expertin für Klimawandel und Medizinpädagogin, ist als Projektleiterin am Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin des LMU Klinikums München tätig.

Rechtzeitig vorbereiten

Hitzewellen im Sommer - Exsikkose und Kreislaufkollaps vorbeugen

Ventilatoren aufstellen und immer wieder ans Trinken erinnern – nein, das reicht nicht mehr, um Bewohner und Patienten (sowie Pflegende!) vor Hitzewellen zu schützen. Julia Schoierer, Expertin für Klimawandel, erklärt, an was alles zu denken ist.

Den Aha-Effekt erleben Julia Schoierer und ihr Team bei ihren Hitzeschulungen für Pflegekräfte ganz häufig. „Dass sie bei Hitze selbst eine Risikogruppe sind, ist vielen Pflegenden immer noch nicht wirklich klar“, sagt die Medizinpädagogin, die als Projektleiterin am Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin des LMU Klinikums München tätig ist. Schoierer forscht seit Jahren über die gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels. Für das Thema Hitzeschutz zu sensibilisieren, steht ganz oben auf ihrer Agenda: „Pflegende tragen eine hohe Verantwortung gegenüber den Pflegebedürftigen, doch sich selbst zu schützen, ist mindestens genauso wichtig.“

1. Ausreichend trinken,

2. luftig kleiden oder

3. Arme, Beine, Stirn oder Nacken mit feuchten Umschlägen abkühlen

– viele ihrer Tipps sind einfach, manche klingen regelrecht banal. Trotzdem werden sie oft nicht umgesetzt und müssen immer wieder in Erinnerung gerufen werden. „Die Länge und Intensität der Hitzewellen sind wir hierzulande einfach noch nicht so gewohnt“, sagt Schoierer. „In südlichen Ländern sind Anpassungsmaßnahmen geläufiger, bei uns müssen sie erst noch zur Routine werden.“

Häufige Pausen sind jetzt noch wichtiger

Schoierers Institut hat auch Praxis-Tipps, wie sich Pflegende effektiv gegen Hitze wappnen können, in der Broschüre „Hitzemaßnahmenplan für stationäre Einrichtungen der Altenpflege“ zusammengestellt. Dabei haben die eigenen vier Wände eine besondere Bedeutung, denn während der Betreuungsbedarf der Bewohner bei Hitze steigt, nimmt die eigene Leistungsfähigkeit ab. Umso wichtiger ist es, sich zu Hause gut erholen und schlafen zu können. Damit die Wohnung dafür möglichst kühl bleibt, sollten die Fenster in der Tendenz tagsüber geschlossen und verschattet sein.

4. Gelüftet wird nachts und in den frühen Morgenstunden. „Am kühlsten ist es kurz vor Sonnenaufgang“, sagt Schoierer.

5. Eine erfrischende Dusche oder ein kühlendes Fußbad vor dem Schlafengehen, feuchte Tücher oder eine mit kaltem Wasser gefüllte Wärmflasche könnten dem Körper zudem Wärme entziehen.

6. Am Arbeitsplatz sorgen kühlende Armbänder oder Pulskühler für ähnliche Effekte,

7. zudem gelte es häufiger Pausen einzulegen.

In der Nacht oder morgens zu lüften, gilt wie daheim – ist also eine Aufgabe für den Nachtdienst.

Vor Hitzestau in PSA kann eine Kühlweste schützen

Unter dem Eindruck der Corona-Pandemie haben die Münchner außerdem Infomaterial erarbeitet, wie sich Hitzeschutz und Infektionsschutz vereinbaren lassen. „Beides steht teilweise im Widerspruch, zum Beispiel wenn es um zusätzliche Schutzkleidung geht“, erklärt Schoierer. Umso wichtiger sei es etwa, vor dem Anlegen der Persönlichen Schutzausrüstung (PSA)

8. ausreichend gekühltes Mineralwasser oder verdünnten Saft zu trinken.

9. Unter der PSA sei möglichst atmungsaktive Kleidung gefragt,

10. zudem könne eine Kühlweste hilfreich sein.

11. Für einen kühlenden Effekt sorge auch, nach der gründlichen Händehygiene zusätzlich kaltes oder lauwarmes Wasser über die Handgelenke laufen zu lassen.

Weitere Strategien sind in der Broschüre „Gut durch die Sommerhitze“ beschrieben.

Menschen mit Pflegebedarf können im Alltag zahlreiche Maßnahmen Hitzeerleichterung verschaffen. Ein Hauptaugenmerk gilt dabei der Versorgung mit Flüssigkeit und Elektrolyten.

12. Für jeden Bewohner sollte die individuell nötige Flüssigkeitsmenge pro Tag festgelegt und genau kontrolliert werden.

13. Getränke sollten an unterschiedlichen Orten bereitstehen – mit größeren Gefäßen und Hilfsmitteln wie etwa Trinkhalmen.

14. Motivierend können auch mit Minze oder Obstscheiben schön gestaltete Getränke, Eiswürfel am Stiel oder Trinkrituale sein, sagt Schoierer, „zum Beispiel ein Glas Wasser zum Frühstück und zum Nachmittagskaffee“.

15. Zudem gelte es, andere Berufsgruppen, Angehörige und den freiwilligen Besuchsdienst einzubinden. Küche, Empfang, Reinigung – alle sind gefragt.

Diese Vernetzung ist Schoierer ohnehin wichtig – extern wie intern.

16. Die Küche oder der Caterer etwa können den Speiseplan bei Hitze anpassen und dabei viel wasserreiches Obst und Gemüse sowie kalte Suppen oder süße Kaltschalen anbieten und statt deftiger Küche auf mediterrane Gerichte setzen.

17. Reinigungskräfte und Haustechniker können die Zimmertemperatur im Blick behalten und erkennen, wenn es Bewohnern nicht gut geht.

18. Und die Kollegen an Empfang oder Pforte können nicht nur zum Trinken animieren, sondern auch an Kopfbedeckungen und Sonnencreme erinnern.

Für alle Aktivitäten gilt:

19. Sie werden in die kühleren Morgenstunden und kühlere Räume verlegt, körperlich Anstrengendes entfällt.

20. Gibt es schattige Außenbereiche, sollten Pflanzen und Wasser genutzt werden.

21. Das Gefühl von kalten Steinen oder Gras an nackten Füßen etwa kann bei Hitze angenehm sein, und in der Nähe eines Teiches oder Bachlaufs ist es etwas kühler.

Solche Wasserbereiche lassen sich auch einfach schaffen – zum Beispiel durch Planschbecken oder Waschschüsseln. Die Bewohner können ihre Füße ins Wasser stellen oder sich mit den Händen Abkühlung verschaffen.

22. Für gute Stimmung sorgt zudem meist, wenn die Füße der Bewohner mit einem Gartenschlauch abgespritzt werden oder ein Rasensprenger einen erfrischenden Wassernebel erzeugt.

In jeder Einrichtung sollte es eine „Arbeitsgruppe Hitze“ geben

Trotz allem hat das Thema in vielen Einrichtungen noch nicht den nötigen Stellenwert – zumindest, wenn es um die rechtzeitige Vorbereitung geht. „Die Hitze gehört spätestens im März auf die Agenda“, betont Julia Schoierer – etwa

23.  mit internen Schulungen zu Hitze-Risiken und -Symptomen, den vereinbarten Maßnahmen im Haus und der Aufklärung von Bewohnern und Angehörigen. Dabei sollten alle Beschäftigten angesprochen werden, betont Schoierer und empfiehlt,

24. beizeiten eine „Arbeitsgruppe Hitze“ zu bilden und einen Hitzemaßnahmenplan für die eigene Einrichtung zu erarbeiten – ein individuelles Konzept für den Umgang mit sehr hohen Temperaturen. Der Plan regelt, was lang-, mittel- und vor allem kurzfristig unternommen wird. Dazu gehört neben einem Sommer-Speiseplan auch ein Verschattungsplan. Dieser legt fest, welche Zimmer zu welchen Zeiten mit (wenn möglich äußeren) Jalousien oder Rollläden oder auch Vorhängen zu verschatten sind, damit die Hitze gar nicht erst in die Zimmer kommt. Gleichzeitig sollten wärmeabgebende Geräte (etwa Leuchten) im Raum vermieden werden.

25. Langfristig geht es hauptsächlich darum, das Thema Hitze bei Umbau- und Renovierungsarbeiten sowie Neubauten und auch bei der Gestaltung von Außenbereichen zu berücksichtigen.

26. Eine der besten Hitzeschutzmaßnahmen hat übrigens jeder selbst in der Hand: beizeiten für die eigene körperliche Fitness zu sorgen.

„Regelmäßiger Sport stärkt das Herzkreislaufsystem und erhöht dessen Leistungsfähigkeit“, erklärt Julia Schoierer: „Und ein starkes Herzkreislaufsystem hält auch Hitze besser aus.“

Info–Material zu Hitze und Gesundheit

Unter www.klimawandelundbildung.de können die erwähnten Broschüren (und weitere), ein Schulungskonzept sowie Infoblätter und Poster kostenlos heruntergeladen und dann vervielfältigt werden. Zudem können sie als Druckversion bestellt werden. Die Materialien für Beschäftigte in Gesundheitsberufen liegen in den fünf Sprachen Deutsch, Englisch, Russisch, Polnisch und Türkisch vor.

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