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Medizinethische Entscheidungen

Haben Sie den Mut, sich einzumischen!

Pflegefachpersonen sollten mehr Einfluss auf medizinethische Entscheidungen nehmen, meint die Bezirksärztekammer Rheinhessen. Sie hat deshalb ein offizielles Plädoyer verfasst, außerdem ruft sie zu einer Umfrage auf. Nehmen Sie jetzt teil!

Hier geht es zur Umfrage Medizinethische Entscheidungen - die Teilnahme dauert nicht länger als 5 Minuten!

Lesen Sie auch das Interview mit Dr. med. Klaus Schniepp-Mendelssohn, der als stellvertretender Vorsitzender des ambulanten Ethikkomitees der Ärztekammer Rheinhessen die Umfrage initiiert und das Plädoyer für eine aktivere Rolle der Pflege: Die Stellung von Pflegefachkräften bei medizinethischen Entscheidungen (siehe Download-pdf am Ende dieses Artikels) zusammen mit zwei weiteren Vertreteren des ambulanten verfasst hat.

Pflegekammermagazin: Was hat Sie zu Ihrem Plädoyer bewegt?

Klaus Schniepp-Mendelssohn: Die Pflegefachpersonen schweigen zu häufig, wenn es um medizinethische Fragen geht. Sie sind zu wenig involviert und bringen auch nicht den Mut auf, sich einzumischen. Dabei ist es so wichtig, denn sie sind näher dran am Patienten und merken früher als die Ärzte, wenn eine Therapie nicht in dessen Sinne ist.

Die Österreichische Gesellschaft für Intensivmedizin hat bereits 2004 ein Konsensuspapier publiziert, in dem es ganz deutlich heißt: „Es ist auf jeden Fall darauf zu achten, dass Entscheidungen zur Therapiebegrenzung vom gesamten Team mitgetragen werden können.“ In Deutschland hat sich seither diesbezüglich nicht sehr viel getan. Das versuchen wir jetzt zu ändern.

Pflegekammermagazin: Was unternehmen Sie konkret, um die Situation zu ändern? Ein Plädoyer allein reicht doch nicht.

Klaus Schniepp-Mendelssohn: Unsere Ärztekammer hat 2017 ein ambulantes Ethikkomitee eingerichtet, das Beratung anbietet, wenn es um Patienten in Heimen oder in der häuslichen Versorgung geht. Denn dort fehlen solche Komitees – in den Krankenhäusern, zumindest in den größeren, gibt es sie in der Regel. In unserem ambulanten Ethikkomitee sind die unterschiedlichsten Professionen vertreten: Seelsorger zum Beispiel, Mediziner, Juristen, Pflegefachpersonen.

Ursprünglich war vorgesehen, dass nur Ärzte die Beratung in Anspruch nehmen können. Doch die Mitglieder des Ambulanten Ethikkomitees waren von Anfang an der der Meinung, dass auch Pflegefachpersonen berücksichtigt werden sollten. Seit Anfang 2019 steht das Ethikangebot nun auch der Pflegeprofession offen. Aufgrund der Erfahrung anderer Ärztekammern ist zu erwarten, dass in Zukunft mehr Anfragen aus der Pflege kommen als aus dem ärztlichen Bereich.

Pflegekammermagazin: Wie läuft so eine Anfrage ab?

Klaus Schniepp-Mendelssohn: Der Arzt oder die Pflegefachperson ruft bei der Koordinierungsstelle an, die zunächst prüft, ob es sich überhaupt um ein ethisches Problem handelt. Im positiven Fall kann entweder eine telefonische Beratung erfolgen oder es wird ein Konsil einberufen. Wichtig ist, dass an diesem Konsil auch Personen teilnehmen, die den Fall genau kennen: Die sich schon die Patientenverfügung angeschaut haben und wissen, ob sie valide ist, oder aus Gesprächen mit Angehörigen wissen, was der vermutliche Wille des Bewohners ist. Man versucht mit großer Sorgfalt, alle erreichbaren Informationen über den Patienten einzuholen.

Pflegekammermagazin: Wie stehen die Chancen, dass während des Konsils auf Pflegefachpersonen gehört wird?

Klaus Schniepp-Mendelssohn: Aus meiner Erfahrung: sehr gut. Zunächst: Das Konsil wird von einem Moderator oder einer Moderatorin geleitet, der oder die alle Teilnehmer nach ihrer Meinung fragt. Dem kann sich niemand entziehen. Neulich zum Beispiel hatten wir ein Konsil in einem Klinikum – dort fragte eine sehr junge Auszubildende aus der Pflege, ob sie teilnehmen dürfe. Durfte sie, aber sie musste sich dann auch zu der Frage äußern, ob bei einem Patienten die Beatmungsmaschine abgestellt werden sollte oder nicht.

Als Vorsitzender eines Klinik-Ethikrats habe ich mehrfach erlebt, dass Pflegefachpersonen mit ihrer Meinung den Ausschlag gegeben haben. Manchmal ist sogar noch das ganze Komitee umgeschwenkt, wenn eine Pflegefachperson sich kritisch der vorherrschenden Meinung entgegengestellt hat. Das war eindrucksvoll und zeigt: Die Pflegeprofession muss lauter werden, muss sich mehr einmischen und darf die Konfrontation nicht scheuen.

Interview: Kirsten Gaede

Zur Person

Dr. med. Klaus Schniepp-Mendelssohn ist stellvertretender Vorsitzender des ambulanten Ethikkomitees der Ärztekammer Rheinhessen und Facharzt für Allgemeine Chirurgie, Thoraxchirurgie und Viszeralchirurgie.

So erreichen Sie das Ethikkomitee

BEZIRKSÄRZTEKAMMER RHEINHESSEN

Tel: 06131/38690

E-Mail: info@aerztekammer-mainz.de

oder: k-schniepp-m@kkmainz.de

Internet: www.aerztekammer-mainz.de

Eine Gesamtansicht der Printausgabe des Magazins der Pflegekammer Rheinland-Pfalz Ausgabe 20 bieten wir Ihnen gleich hier unten. Wenn Sie noch weiter runterscrollen, finden Sie ein pdf des Interviews mit Dr. med. Klaus Schniepp-Mendelssohn zum Herunterladen.

https://epaper.pflegemagazin-rlp.de/PFL_2020_Ausgabe_20_DS.pdf

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