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Foto: Foto/Grafik: privat/Simon
Werner Stuckmann war bis Ende 2019 gewähltes Mitglied der Vertreterversammlung der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz.

Wahl

Gewählt. Und nun?

Werner Stuckmann hat Geschichte geschrieben. Er und 80 andere waren die ersten Mitglieder der Vertreterversammlung einer Pflegekammer in Deutschland. Gemeinsam betraten sie absolutes Neuland, um sich gemeinsam für die Weiterentwicklung der Situation der professionellen Pflege in Rheinland-Pfalz starkzumachen.

Herr Stuckmann, als frisch gewählter Vertreter der ersten Legislaturperiode, was hatten Sie in den ersten Monaten zu tun? Die erste Sitzung der Vertreterversammlung (VV) mit 81 Delegierten fand am 25. Januar 2016 statt.  Nach Verkündung des Wahlergebnisses am 15. Dezember 2015 galt es, die Vorlagen für die erste VV in unserer Liste „100 % gute Pflege (DPO/Komba)“ zu diskutieren und vorzubereiten. Außerdem musste ich mir nach der Wahl überlegen, ob ich in der Pflegekammer eine offizielle Funktion übernehmen wollte. Ich habe mich entschieden, mich als ehrenamtlicher Richter für das Berufsgericht und das Landesberufsgericht aufstellen zu lassen.

Welches waren Ihre persönlichen Motive, sich für die Kammerwahl aufstellen zu lassen – und wurden Ihre Erwartungen erfüllt? Ich habe mich schon vor der Gründung der Landespflegekammer berufspolitisch engagiert. Zum Zeitpunkt der Wahl war ich Vorsitzender des Landesverbandes der BFLK e. V. Rheinland-Pfalz. Ein großes Anliegen war für mich, das Wissen der Pflegenden zu vernetzen und klinikübergreifende Standards in der Psychiatrie und im Maßregelvollzug zu setzen. Die Pflege muss aus meiner Sicht „auf Augenhöhe“ mit anderen Berufen arbeiten.

Mein besonderes Anliegen war es, dass neben Pflegefachpersonen auch in der Pflege arbeitende Menschen aus Sozialberufen wie etwa Heilerziehungspfleger die Möglichkeit erhalten, ebenfalls Mitglied in der Landespflegekammer zu werden. Ein Vorschlag, der zwar bei vielen Vertretern auf fruchtbaren Boden fiel, aber nicht umgesetzt werden konnte, da das Heilberufe-Gesetz dies so nicht vorsieht. Dennoch habe ich die Interessen der Pflegenden in der Psychiatrie und im Maßregelvollzug, und begleitend auch die der Kollegen aus den Sozialberufen, gut darstellen und erfolgreich vertreten können. Außerdem habe ich gemeinsam mit Prof. Edith Kellnhauser, die leider verstorben ist, das Leitbild der Landespflegekammer entwickeln dürfen.

Wie verlief ein typischer Monat als ehrenamtlicher Vertreter? Zunächst einmal bestand natürlich ein typischer Arbeitsmonat darin, meine arbeitsvertraglichen Verpflichtungen zu erfüllen, denn als ehrenamtliches Mitglied der VV wird man nicht von der Arbeit freigestellt.

Meine Aufgabe bestand vor allem darin, mich auf die Sitzungen vorzubereiten und in die Themen der Tagesordnung einzuarbeiten. Da galt es, mir von Kollegen und von den Mitgliedern der BFLK Rückmeldungen und Positionen einzuholen. Bei regelmäßigen Treffen unserer Liste wurde dann ausführlich diskutiert, bis wir zu einer Meinung und Aussage kamen, die ich dann bei der Versammlung vorstellen und vertreten durfte. Unsere Liste muss man sich wie eine Art Partei vorstellen, deren Delegierter ich war. Ebenso wichtig wie die Vorbereitung ist die Nachbereitung, denn die Ergebnisse interessieren viele.

Was hat Sie am meisten beeindruckt in Ihrer Amtszeit? Ich war von Beginn an beeindruckt vom Wissen der Mitglieder der VV und von der strukturierten Arbeitsweise. Außerdem hat mich das Engagement für die Verbesserung im Berufsfeld der Pflegefachpersonen stets begeistert. Durch die Arbeit der Landespflegekammer und der VV ist es möglich, die Interessen der Pflegenden der Gesellschaft und der Politik näherzubringen und die Pflegefachpersonen tatsächlich zu vertreten.

Worüber haben Sie sich geärgert? Nach wie vor ärgert mich, dass die Pflegenden sich selbst nur sehr wenig für ihren eigenen Beruf engagieren. Ich sehe das momentan auch in Schleswig-Holstein, wo ich seit 2019 wohne. Die Widerstände gegen eine eigene Interessenvertretung, wie es die Pflegekammer ist, sind für mich nur schwer nachvollziehbar. Die Pflegenden äußern auf allen möglichen Kanälen ihren Unmut gegen die bestehenden Arbeitsbedingungen, sind aber selbst kaum bereit, etwas dagegen zu tun. 

Was bewerten Sie als Meilenstein der bisherigen Vertreterversammlung? Ein wichtiger Meilenstein ist aus meiner Sicht die Entwicklung einer Weiterbildungsordnung für die Pflege, aber auch die Anerkennung der Pflege in Rheinland-Pfalz auf politischer Ebene und im Zusammenwirken mit weiteren Interessenvertretungen, wie etwa der Ärztekammer.

Ist es als Kammervertreter von Vorteil, eine besondere Expertise zu haben? Ja, durchaus. Das Expertenwissen der Vertreterversammlung macht die Arbeit der Pflegekammer „bunter“ und bildet auf diese Weise die große Bandbreite pflegerischer Tätigkeit gut ab.

Sind Sie nach Ihrer Amtszeit noch von der Kammerbewegung begeistert? Aber ja! Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass sich ohne eine Pflegekammer die Arbeitssituation der Pflegenden nicht wesentlich verbessern wird. Ich sehe auch keine Alternative zu einer Pflegekammer. Sie ist die einzige Vertretung aller Pflegenden im Land. Das können weder Gewerkschaften, noch Berufsverbände leisten.

Mit Ihrer Erfahrung und dem Blick zurück: Was ist die dringendste Aufgabe für die Kammer? Die Arbeitssituation der Pflegenden muss sich deutlich verbessern. Dazu gehört nicht nur ein angemessenes Gehalt, das für alle Pflegenden auf der Grundlage eines Tarifvertrages erfolgen muss. Dazu gehört außerdem, die Stellenschlüssel in der Pflege zu verbessern, so wie es in anderen europäischen Ländern gemacht wird. Als eines der reichsten Länder der Welt, erlauben wir es uns in Deutschland, europaweit einen der niedrigsten Stellenschlüssel in der Pflege zu haben. Das führt dazu, dass die Pflegenden kaum Zeit für die zu Pflegenden haben.

Außerdem ist es aus meiner Sicht wichtig, die Anzahl der Ausbildungsplätze zu erhöhen und mehr grundständige Studiengänge in der Pflege anzubieten. Zu diesen Themen müssen sich aus meiner Sicht Pflegekammer, Gewerkschaften und Berufsverbände starkmachen. Durch eine gemeinsame Strategie können diese Punkte aus meiner Sicht erreicht werden. Allerdings muss auch bedacht werden, dass die Realisierung Geld kostet. Entweder müssen die Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung erhöht werden oder der Staat muss alternative Finanzierungsmodelle gemeinsam mit den Interessenvertretungen der Pflege entwickeln.

Herr Stuckmann, haben Sie Ihr Engagement für die Kammer bereut? Nein. Im Gegenteil! Mich für unseren Beruf einzusetzen und die Pflege in Rheinland-Pfalz auf dem Weg zu weiterer Professionalisierung zu begleiten, hat mir große Freude bereitet.  

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