Image
Der Hauptsitz des Pfalzklinikums in Klingenmünster.
Foto: Foto: Schelby/Pfalzklinikum
Der Hauptsitz des Pfalzklinikums in Klingenmünster.

Schwerpunktthema

Ein produktiver, interprofessionellerMammutprozess des Pfalzklinikums

Das Pfalzklinikum, ein psychosozialer Komplexanbieter, führt gerade ein Patientenportal ein. An dem Projekt zeigen sich die vielfältigen Vorteile der Digitalisierung. Deutlich wird aber auch, wie wichtig es ist, die Pflegeprofession einzubeziehen.

Eines hat Anna Keller gleich zu Beginn klargestellt, als es losging mit dem neuen Patientenportal für das Pfalzklinikum: „Behandler sind alle, die sich um die Patienten kümmern“, sagt die IT-Expertin und Projektleiterin. Damit stand unmissverständlich fest, dass die Pflegefachpersonen beim derzeit wohl größten Digitalisierungsprojekt des psychosozialen Komplexanbieters eine entscheidende Rolle spielen. Neben den Ärzten und Therapeuten – eben allen, die eine „Patientenreise“ begleiten.

Pflegedienstleitungen und Chefärzte auf einem Level

„Wir denken multi-professionell.“ In den Einrichtungen des Pfalzklinikums AdöR mit Hauptsitz im rheinland pfälzischen Klingenmünster werde längst eine duale Leitungskultur gelebt: „Die Pflegedienstleitungen und Chefärzte arbeiten auf dem gleichen Level miteinander – deshalb sind auch alle bei der Entwicklung unseres Patientenportals gefragt.“ Das, was da gerade entsteht, hört auf den Namen Curamenta und ist als Plattform für psychische Gesundheit gedacht. Sie soll Betroffene und deren Angehörige künftig digital begleiten – von der ersten Information über die Behandlung bis zur Nachsorge. Ein solches Patientenportal muss bis Ende 2024 jedes Krankenhaus haben. Das schreibt das Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG) vor.

Curamenta zu entwickeln und in den Arbeitsalltag der Behandelnden einzubinden, ist ein Mammutprojekt. Zudem soll die Plattform weit über die gesetzlichen Vorgaben hinausgehen und langfristig das gesamte Angebotsspektrum des Pfalzklinikums abbilden – neben den Kliniken auch die ambulanten Dienste und die zunehmend wichtigere aufsuchende Arbeit bei den Patienten daheim.

Im für alle frei zugänglichen Bereich der Plattform gibt es unter anderem:

  • Informationen über Krankheitsbilder, Symptome sowie Behandlungsmethoden
  • Foren zum Austausch mit anderen Betroffenen, Angehörigen und Experten für das Programm
  • die Möglichkeit für alle, die medizinische Hilfe brauchen, in Einrichtungen, die das anbieten, online direkt Termine anzufragen – viele Einrichtungen sind schon angeschlossen.

Im Therapiebereich haben Patienten mit ihren persönlichen Anmeldedaten Zugang zu unterschiedlichen digitalen Funktionen. Sie können etwa:

  • Termine organisieren
  • mit ihren Behandelnden Befunde, Dokumente und Formulare teilen
  • ein digitales Tagebuch führen
  • den Medikationsplan einsehen
  • einen Messenger nutzen, den Behandelnde für direkte Kontakte öffnen können

Die Patienten können außerdem ihre digitalisierten Wochenpläne einsehen und bekommen Anregungen, um die therapiefreie Zeit selbst behandlungsunterstützend zu gestalten. Achtsamkeitsübungen sind genauso verfügbar wie Entspannungssequenzen oder To-do-Listen.

Angehörige oder rechtliche Vertreter lassen sich ebenfalls einbeziehen. Darüber hinaus unterstützt das Portal die Nachsorge, etwa durch die Vermittlung von Terminen oder anderen Gesundheitsleistungen.

Von den Pflegefachpersonen gebe es viele positive Rückmeldungen, betont Dominique Heine. Die Gesundheits- und Krankenpflegerin hat 15 Jahre in der Pflege gearbeitet, zuletzt als Stationsleitung. Sie hat ein Bachelorstudium absolviert und sich im Bereich Digitalisierung fortgebildet, und Anfang 2021 ist sie als E-Mental-Health-Spezialistin zur GDG gewechselt. GDG ist die Gemeinnützige Gesellschaft für digitale Gesundheit, mit der zusammen das Pfalzklinikum Curamenta entwickelt (siehe unten). „Das digitale Tool ergänzt und verändert die Behandlung der Patienten, und das ist auch für die Pflegefachpersonen eine positive Erfahrung und Bestätigung.“

Zahlreiche Telefonate sind überflüssig geworden

Die digitalen Möglichkeiten bringen auch handfeste Vorteile für die pflegerische Arbeit und schaffen Freiräume, betont Heine. Zum Beispiel weil durch die Online-Terminbuchung zahlreiche Telefonate wegfallen oder Messenger-Funktionen die Arbeitsorganisation verbessern. Zudem lassen sich wichtige Informationen zwischen Kliniken, Rettungsdiensten, Pflegeheimen und mobilen Diensten in digitalen Dokumenten deutlich leichter austauschen.

Über Curamenta zu informieren, die Teilnehmenden bei der Registrierung zu unterstützen und ihnen die Nutzung zu erklären – auch das gehört zu den neuen Aufgaben der Pflegefachpersonen, die häufig erste und wichtige Ansprechpersonen der Patienten sind.

Statt Zettelwirtschaft gibt‘s jetzt digitale Formulare

Bei den Anamnesebögen für die Verlegung in andere Einrichtungen zum Beispiel zeige sich „ein ganz großer Mehrwert“, sagt Heine. Digitale Formulare ersetzen jetzt „die irgendwann im Nachtdienst ausgefüllte Zettelwirtschaft“, die für andere zudem häufig nur schwer zu entziffern ist. Digital werde oft auch deutlich mehr geschrieben „und so werden zusätzliche wichtige Infos geteilt“.

Je mehr etwa über individuelle Vorlieben, Abneigungen oder nötige Hilfsmittel wie einen Rollator bekannt sei, desto einfacher komme das nächste Team mit den Patienten aus. „Wenn ich zum Beispiel von vornherein weiß, dass ein Patient mit bestimmten Diagnosen nur auf seinen Vornamen reagiert oder morgens gerne länger schläft, macht es mir das Leben deutlich leichter“, erklärt Heine: „Natürlich bedeutet das erst einmal etwas Mehrarbeit, doch das Ergebnis ist gut für unsere Patienten.“ Und am Ende könne jede Pflegefachperson auch selbst von guten Eintragungen profitieren.

Team-Videos und Packlisten für Patienten zur Vorbereitung

Auf einigen Stationen bei Vitos, einem Träger aus Hessen, der ebenfalls zur GDG gehört (siehe  unten), haben Pflegefachpersonen auch Willkommens-Videos entwickelt. Sie stellen neuen Patienten die Station und das Team vor, erklären die Hausregeln, machen Vorschläge für Packlisten und geben Wegbeschreibungen. „So können sich Patienten schon daheim in Ruhe vorbereiten, und den Pflegefachpersonen wird die Arbeit erleichtert“, erklärt Heine: „Statt am Telefon täglich fünf- bis zehnmal die gleichen Fragen zu beantworten, können sie jetzt einfach Dateien oder Videos verschicken.“ Teilweise sind auch schon virtuelle Rundgänge oder Lagepläne verfügbar.

Die Möglichkeiten sind vielfältig, betont GDG-Geschäftsführerin Laura Kuhlmann, „und manches lässt sich auch standardisieren“. Die Träger tauschen untereinander Ideen aus, Abgucken ist ausdrücklich erlaubt – genauso wie es erwünscht ist, dass jeder seine Anregungen einbringt. Kuhlmann will nah dran sein am Alltag in den Einrichtungen. Kein „Riesen-IT-Projekt“ verwalten, „das von oben aufgesetzt wird – wir bearbeiten das gemeinsam und nutzen die ersten Praxiserfahrungen, um die Plattform weiterzuentwickeln“.

GDG geht auf Skeptiker unter den Pflegefachpersonen immer wieder zu

Auch deshalb gibt es immer wieder Workshops zu speziellen Funktionen des Portals. „Wir wollen wissen, wo etwas nicht läuft, damit wir es verbessern können“, sagt Kuhlmann, „und das machen wir dann auch.“ Dass einige Pflegende den neuen Möglichkeiten skeptisch gegenüberstehen, sei bei so tiefgreifenden Veränderungen normal, erklärt die GDG-Geschäftsführerin: „Ein Drittel ist sofort motiviert, ein Drittel kritisch-zurückhaltend und die anderen lehnen Digitalisierung erst einmal vollkommen ab.“ Deshalb wird sie nicht müde, ihre Einladung zu formulieren: „Das Tool ist da, und es kann viel. Schaut mit uns gemeinsam, wie es gut und sinnhaft für euch ist, und wenn euch etwas nicht gefällt, dann sagt es.“ Dieses Beteiligen und Zuhören führe zu einer großen Zugewandtheit und Offenheit.

„In ländlichen Regionen vereinfacht Digitalisierung vieles“

Die erlebt auch Projektleiterin Anna Keller vom Pfalzklinikum. „Die Pflegefachpersonen sind es gewohnt, sich flexibel und schnell auf Neues einzustellen – insbesondere, wenn sie einen Mehrwert für die Patienten sehen.“ In den Einrichtungen wollen sich viele einbringen, trotz der aktuell hohen Arbeitsbelastung, sagt Keller: „Das hat eine Eigendynamik bekommen.“ Nach Ärzten und Therapeuten beteiligten sich zunehmend Pflegefachpersonen an der Entwicklung. „Gerade bei den ambulant aufsuchenden Diensten gibt es großes Interesse.“ Der Bereich wächst, und die Verantwortlichen sehen „einen Riesen-Mehrwert“. Die Angebote des Pfalzklinikums decken oft ländliche Regionen ab, nicht selten müssen Pflegefachpersonen Strecken von mehr als 100 Kilometern fahren – „da können digitale Angebote vieles vereinfachen“.

Während Curamenta nun immer mehr Formen annimmt, arbeitet Keller parallel schon an weiteren Digitalisierungsprojekten. Dabei geht es zum Beispiel um das Medikationsmanagement. Wie sich das künftig auf die Pflegenden auswirken wird? „Das haben wir alle gemeinsam in der Hand.“ Gerade werde deshalb noch mehr kommuniziert und informiert, und auch hier sollen sich alle einbringen: „Die Inhalte leben von der Interaktion.“

Curamenta: Insgesamt sind fünf Träger dabei

Das Pfalzklinikum entwickelt Curamenta zusammen mit vier weiteren Trägern psychosozialer Einrichtungen aus verschiedenen Bundesländern. Diese Träger haben dafür die Gemeinnützige Gesellschaft für digitale Gesundheit (GDG) gegründet, deren jüngster Gesellschafter das Pfalzklinikum seit Februar 2023 ist. Der Psychiatrie-Dienstleister Vitos mit Sitz im hessischen Kassel ist am weitesten: Dort ist Curamenta seit Anfang September 2022 bereits in einer Tagesklinik, in drei Kliniken sowie in einem Team für die stationsäquivalente Behandlung (StäB) im Einsatz.

Pfalzklinikum präsent in 15 Städten und Gemeinden

Das Pfalzklinikum mit Hauptsitz in Klingenmünster ist ein Dienstleister für seelische Gesundheit (Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik für Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Neurologie, Maßregelvollzug, ambulante Angebote und Gemeindepsychiatrie). Das Unternehmen ist in 15 pfälzischen Städten und Gemeinden vertreten – unter anderem mit stationären Einrichtungen, Tageskliniken und Ambulanzen, Wohnangeboten, Teilhabezentren, Tagesstätten und aufsuchenden Angeboten. Es zählt rund 2.500 Mitarbeitende und knapp 1.200 Betten sowie umfangreiche Assistenz- und Teilhabeangebote. Das Pfalzklinikum ist Träger eines integrativen Modellvorhabens in der psychosozialen Versorgung nach § 64b SGB V.

Lesen Sie hier die digitale Ausgabe 33 des Magazins der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz:

Das könnte Sie auch interessieren...