Foto: Helena Melikov

Pflege 4.0

Digitalisierung – eine Chance für die Pflege?

Pflege 4.0, auch bekannt als Digitalisierung von Pflegeprozessen, kann nur gelingen, wenn Einrichtungen und Pflegende ihre Hausaufgaben machen.

Eine Pflegefachperson steht am Krankenbett und untersucht den Fuß einer Patientin. Die Wunde bereitet ihr Sorgen; der Heilungsprozess schreitet nicht voran. Sie zückt ein Tablet und gibt ihre Beobachtung in die digitale Dokumentation des Krankenhauses ein. Daraufhin unterbreitet ihr das System eine Reihe von Vorschlägen: eine Wundreinigung durchführen, einen speziellen Wundverband anlegen oder den Blutzucker messen, um eine mögliche Diabeteserkrankung abzuklären.

Mithilfe ihrer klinischen Expertise wägt die professionell Pflegende ab, berät sich mit Kollegen anderer Professionen und entscheidet sich schließlich dafür, einen Hydrokolloidverband anzulegen. Später wird sie den Erfolg oder Misserfolg der pflegerischen Intervention dokumentieren – und das System so mit weiteren Informationen für künftige Vorschläge füttern.

Digitale Dokumentation? Bei über 35 Prozent Fehlanzeige

Bis das beschriebene Szenario hierzulande zum Standard wird, vergehen vermutlich noch Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte. Zwar verfügen bereits 38,6 Prozent der deutschen Krankenhäuser über eine digitale Pflegedokumentation und 26 Prozent sind grade dabei, diese einzuführen. Doch demgegenüber stehen 35,4 Prozent, die noch nicht mit der Umsetzung angefangen haben oder generell keine digitale Dokumentation planen, so der IT-Report Gesundheitswesen 2018. Flankierend zur digitalen Weiterentwicklung muss der Gesetzgeber zudem die Grundlage schaffen, auf der Pflegefachpersonen eigenständiger arbeiten können – also zum Beispiel Rezepte ausstellen oder andere Maßnahmen selbstständig verordnen.

Dokumentation 4.0 macht Pflege sichtbar

Professor Björn Sellemann vertritt an der Fachhochschule Münster am Fachbereich Gesundheit das Lehr- und Forschungsgebiet Nutzerorientierte Gesundheitstelematik und assistive Technologien. Sellemann selbst, Medizin- und Pflegeinformatiker sowie Pflegewissenschaftler und examinierter Pflegefachmann, hält das Zögern vieler Krankenhäuser für widersprüchlich: „Privat nutzen alle Smartphones & Co., nur in der Pflege soll die Dokumentation weiter auf Papier gemacht werden.“ Häufig kommt es durch die Zettelwirtschaft mit den verschiedensten Formularen zudem zu unnötiger Doppeldokumentation sowie zu Informationsbrüchen oder -defiziten.

Ursula Hübner, Professorin für medizinische Gesundheitsinformatik an der Hochschule Osnabrück, spricht sich ebenfalls pro Digitalisierung aus: „Das ermöglicht nicht nur eine bessere Dokumentationsqualität – es fördert auch die Sichtbarkeit der pflegerischen Leistung und ist ein hervorragendes Instrument für das Qualitätsmanagement.“

Angst vor Mehraufwand unbegründet

Die Sorge vieler, dass durch die Digitalisierung der Dokumentationsaufwand immer weiter steigt, hält sie für unbegründet. Im Gegenteil: „Mit digitalen Informationssystemen lässt sich die Dokumentationslast langsam abbauen.“ Auch könnten intelligente Messgeräte mit einer IT-gestützten Dokumentation gekoppelt werden und zum Beispiel Daten wie Blutdruck oder Körpertemperatur automatisch übermitteln.

„Leidet durch die Digitalisierung nicht die Beziehung zum Patienten und Bewohner?“, „Werden Pflegefachpersonen durch Computer ersetzt?“ lauten weitere typische Argumente von Digitalisierungsgegnern. Doch die Wissenschaftler sind anderer Meinung. „Die Digitalisierung ist ein Werkzeug, genau wie ein Patientenlifter“, sagt Sellemann. „Sie unterstützt die Arbeit der Pflegefachperson und versetzt sie in die Lage, sich besser dem Patienten zu widmen“, pflichtet Hübner ihm bei.

Unabhängig dank Entscheidungsunterstützung

Auch in der eingangs skizzierten Entscheidungsunterstützung sieht Professorin Hübner mehr Chance als Risiko. „Auf diese Weise erhält die Pflegefachperson ein zu dem spezifischen Fall passendes fachliches Fundament, etwa in Form von Expertenstandards und S3-Leitlinien. Ihre Entscheidung trifft und begründet sie eigenständig oder im Austausch mit anderen Professionen – jedoch nicht zwingend auf Anordnung vom Arzt“, so die Professorin.

In Sachen digitale Entscheidungshilfen ist der Fortschrittsbalken in hiesigen Krankenhäusern allerdings noch kürzer, als bei der digitalen Dokumentation: 8,5 Prozent haben sie umgesetzt, 19,2 Prozent arbeiten an der Einführung und 72,3 Prozent haben noch nicht mit der Implementation begonnen oder planen zurzeit kein System zur Entscheidungsunterstützung.

Big Data im Krankenhaus noch Zukunftsmusik

Noch ausgeklügelter könnten Entscheidungshilfen werden, wenn Krankenhäuser die Daten ihrer digitalen Dokumentation mit pflegewissenschaftlichen Verfahren systematisch auswerten und Zusammenhänge herstellen – Stichwort „Big Data“. „Dann geben irgendwann die hauseigenen Daten Aufschluss darüber, welche Wundverbände zur Heilung oder zu Komplikationen geführt haben oder welche Prozesse besonders reibungslos ablaufen“, prognostiziert Hübner.

Tatsächlich liegen schon heute in vielen Einrichtungen zahlreiche Daten vor. „Leider fehlt es dem Management häufig an Verständnis und Wissen dafür, wie man diese Daten auswerten und nutzen kann. Die Folge sind Datenfriedhöfe“, so Sellemann.

Wie viel Informatik braucht die Pflege?

Doch nicht nur das Management muss seine Hausaufgaben machen, jede einzelne Pflegefachperson ist gefordert, damit die Digitalisierung dem Gesundheitswesen wirklich einen Nutzen bringt. „Man braucht kein Informatikstudium, aber Grundlagen der Informationsverarbeitung wie Daten formatieren, sichern, verschlüsseln und übermitteln sowie vernetztes Arbeiten sollten Pflegefachpersonen beherrschen“, betont Hübner.

Der Wissenschaftlerin zufolge sind daher vor allem die Bildungseinrichtungen in der Pflicht, professionell Pflegende in der Ausbildung sowie entsprechenden Fort- und Weiterbildungen umfassend auf die digitalen Herausforderungen vorzubereiten.

Autorin: Kati Borngräber

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