Foto: Lisa Treusch

Serie: Das perfekte Team

Die Großfamilie vom Ingweilerhof

Die Mitarbeiter des Seniorenzentrums in Reipoltskirchen bezeichnen ihre Arbeit als "Wellness" und ihr Team als "zweite Familie".

Ist das hier das Paradies? Es ist so grün drum herum, kein anderes Haus, keine Hauptstraße in der Nähe, der Aufenthaltsraum lichtdurchflutet, an einem Tisch vier Bewohnerinnen beim Kartenspiel. Das ist der erste Eindruck. Sitzt man dann bei offener Terrassentür in diesem Aufenthaltsraum, kommt es noch besser: Die Kollegen am Tisch sagen nacheinander etwas, was eigentlich gar nicht so recht in die moderne Arbeitswelt passt: „Es ist hier so wunderbar familiär.“

Wie eine Großfamilie

Auch Joshua Weber, gerade einmal 20, genießt die familiäre Atmosphäre. Er war schüchtern und aufgeregt, als er zum Ingweilerhof kam. Aber schon am ersten Tag fühlte er sich angenommen, war gleich mit allen per du. Vielleicht ist das eines der Erfolgsgeheimnisse von Katja Schätzel, der Pflegedienstleitung: Die 36-Jährige behandelt niemanden wie eine Randfigur, versucht für jeden alles gut einzurichten. So wie für Julia Schneider aus dem drei Kilometer entfernten Nußbach. Sie fängt später an und arbeitet täglich von 8.30 Uhr bis 14 Uhr, damit sie sich als Alleinerziehende um ihr Pflegekind, den sechsjährigen Sohn ihrer Schwester, kümmern kann. „Der Ingweilerhof ist quasi meine zweite Familie“, sagt Julia Schneider und strahlt.

Täglich etwas Neues lernen

Die familiäre Atmosphäre entsteht auch durch die Bewohner: Viele von ihnen kennen die Mitarbeiter noch als Kind, weil sie aus demselben Dorf in der Umgebung stammen. So duzt man sich, umarmt einander oder gibt einen Kuss auf die Wange – im Ingweilerhof mutet das nicht deplatziert an. Die Nähe tut den Bewohnern gut und macht die Arbeit für die Kollegen reizvoll: „Manche Leute halten die Altenpflege ja für langweilig – denen halte ich dann immer entgegen, dass wir hier jeden Tag etwas Neues von den Bewohnern lernen: alte Sprichwörter, Weisheiten und Geschichten aus der Region. Manchmal vertrauen sie einem sogar Geheimnisse an und man wird fast zur besten Freundin der Bewohner“, sagt die stellvertretende Pflegedienstleitung Natascha Sand.

Ein buntes Team

Schwimmt das Team bei so vielen familiären und nachbarschaftlichen Banden nicht im eigenen Sud? Nein, denn das Team ist für die abgeschiedene Lage des Ingweilerhofs sehr multikulturell: Die Kollegen kommen aus Kroatien, Russland, Ghana und aus Kenia, so wie Grace Windecker. Die 26-Jährige begann hier als Reinigungskraft. Weil sie sich bei ihrer Arbeit so einsam fühlte, fragte sie Katja Schätzel, ob sie nicht in die Pflege wechseln könne. Langsam wurde sie herangeführt. Nun wollte der Träger auch ihren Bruder anstellen, aber er darf aus Kenia nicht ausreisen. Wer weiß: Vielleicht klappt es doch noch. Denn alles Familiäre steht im Ingweilerhof unter einem guten Stern.

Autorin: Kirsten Gaede

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