Foto: Amelie Nadia Witte

KI in der Pflege

Das ist die Zukunft: Dokumentieren ohne Tippen

Sie sind skeptisch gegenüber Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz? Vielleicht kann Bart de Witte, ehemals IBM und SAP, Sie auf dem Pflegetag in seiner Session 4 (11.45 Uhr) umstimmen – oder vielleicht schon dieses Interview.

Warum ist Künstliche Intelligenz für die Pflege ein wichtiges Thema?

Die Künstliche Intelligenz (KI) hat das Potenzial, nicht nur die Pflege, sondern die gesamte Medizin zu transformieren. Wie Elektrizität ist sie eine Universaltechnologie, und wie das Internet könnte sie den Zugang zu Informationen demokratisieren. Durch die KI lässt sich Expertenwissen einfach und überall skalieren, und das kann helfen, viele der heutigen Herausforderungen zu bewältigen, zum Beispiel die gesundheitlichen Ungleichheiten in der globalen Gesellschaft. In sehr vielen Bereichen wird KI bessere Entscheidungsvorschläge liefern, als Menschen dies können. Während Menschen über intuitives Erfahrungswissen verfügen, das sich nicht quantifizieren lässt, liefert die KI Entscheidungsvorschläge auf der Grundlage großer Datenmengen. Ob langfristig die Maschinen entscheiden, ist keine technologische, aber eine gesellschaftliche Frage.

Obwohl sehr viel über die Pflege-Robotik gesprochen wird, sehe ich das größte Potenzial für die Pflege in der Entlastung von Dokumentations- und Administrationsaufgaben. Die KI-gestützte Spracherfassung wird Pflegekräften bei solchen Routinetätigkeiten Arbeit abnehmen. Langfristig wird die KI dafür sorgen, dass die Tastatur im Krankenhaus verschwindet. Ich spreche bereits seit Jahren über die Transformation von papierlosen zu tastaturlosen Krankenhäusern. Auch intelligente Maschinen, die vernetzt miteinander kommunizieren, werden Routineaufgaben übernehmen. Dazu tauschen die Maschinen automatisiert Daten aus. Zum Beispiel können medizinische Geräte wichtige Informationen, die sie generieren, in die Krankenakte und bei Bedarf, mittels einer Sprachnachricht, auch direkt an das Fachpersonal übermitteln.

Welche Probleme ergeben sich beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Pflege?

Der wichtigste Aspekt, über den wir in einer KI-Pflegeumgebung nachdenken sollten, ist, wie Entscheidungen zustande kommen. Krankenschwestern müssen oft in kritischen Situationen entscheiden. Dabei werden sie von Faktoren wie Evidenz, individuellen Werten, Patientenwohl, Theorien, klinischem Urteilsvermögen, Ethik, Gesetzgebung, Regulierung sowie Ressourcen im Gesundheitswesen beeinflusst. Bei einer Entscheidung wird all das durch menschliche Intuition und Erfahrung berücksichtigt. Deshalb müssen KI-Maschinen oder -Systeme für die Pflege so entwickelt sein, dass sie diese Effekte angemessen abbilden. KI-Systeme zur Nachahmung der Intuition zu skalieren, ist jedoch schwierig. Außerdem wirft es moralische Fragen auf, wenn Entscheidungen automatisiert werden.

Wie können Pflegekräfte von Künstlicher Intelligenz profitieren?

Viele Experten sind überzeugt, dass sie ihnen helfen kann, Patientenbedürfnisse noch besser zu bedienen. Denn KI kann im Krankenhaus Zeit (und Ressourcen) sparen – zum Beispiel beim Blasenscannen oder bei der Venenfindung. Die KI wird die Art und Weise, wie die Versorgung durchgeführt wird, an vielen Stellen verändern und den Pflegenden so tatsächlich mehr Zeit mit den Patienten verschaffen.

Wo kommt KI in der Pflege bereits zum Einsatz?

Es gibt schon viele Anwendungen – zum Beispiel virtuelle Krankenschwestern, die mit Patienten interagieren oder sie in die effektivste Pflegeeinrichtung vermitteln. Sie sind KI-gesteuert und bieten personalisierte Dienste an – sie helfen den Patienten, ihre Krankheit besser zu managen, ihren Gesundheitszustand zu überwachen, Arzttermine zu vereinbaren und asynchron mit der Pflege oder dem Arzt zu kommunizieren. Da sie immer verfügbar sind, können sie Patienten rund um die Uhr überwachen und Fragen schnell beantworten. Die meisten Anwendungen von virtuellen Pflegehelfern ermöglichen heute eine regelmäßigere Kommunikation mit Patienten. Zudem erleichtern sie der Pflege die Dokumentation, weil viele Verlaufsdaten dabei durch den Patienten direkt erfasst werden. Zahlreiche KI-Lösungen sind für die Pflege allerdings unsichtbar, weil sie im Hintergrund Prozesse automatisieren.

Über andere Beispiele, wie etwa Pflegeroboter, welche die Pflege bei logistischen Prozessen, wie etwa dem Transport von Material oder Patienten, oder bei der Reinigung unterstützen, wurde bereits sehr viel geschrieben. Ich würde dabei eher von Pflegeassistenten sprechen und würde vermeiden, die Patienten-Pflege-Interaktion zu digitalisieren. Die KI ist noch weit davon entfernt, ein Bewusstsein zu entwickeln, und ohne Bewusstsein gibt es keine Empathie. Viele Forscher treiben die Entwicklung der sozialen Robotik voran und wollen Robotern eine Persönlichkeit geben. Ich bin der Meinung, dass wir den Fokus im Krankenhaus zunächst auf die bürokratischen Aufgaben legen sollten, damit wieder mehr Zeit für die Mensch-Mensch-Interaktion bleibt. In der Altenpflege dagegen ist das leicht anders, weil die Robotik es erlauben wird, die Selbstständigkeit der Betroffenen zu erhöhen.

Worauf können sich Pflegekräfte für die Zukunft einstellen?

Wenn sich die Pflege aktiv mit der Gestaltung der KI-basierten Medizin auseinandersetzt, können völlig neue Arbeitswelten geschaffen werden, die wieder mehr Zeit für die menschliche Zuwendung lassen. Die Pflegekräfte sollten aber mitentscheiden, welche Aspekte ihrer Arbeit an die Technologie delegiert werden können. Sie sollten die Einführung automatisierter Technologien und künstlicher Intelligenz überwachen, um sicherzustellen, dass ihr Arbeitsalltag mehr auf die individuellen Aspekte der menschlichen Pflege ausgerichtet ist. Dafür muss die Pflege sich bewusst mit der Technologie auseinandersetzen. Die Pflegeinformatik sollte wichtiger werden, und die digitale Kompetenz von Pflegekräften sollte fester und fächerübergreifender Bestandteil der Aus- und Fortbildung sein.

Interview: Jens Kohrs

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