Foto: jens schuenemann - jps-berlin.de

Corona und Händehygiene – alles gut?

Auf dem Höhepunkt der Corona-Krise hat die Landespflegekammer eine Hygiene-Hotline eingerichtet. Am Telefon saß Jörg Jung. Wir sprachen mit der Hygienefachkraft vom Weiterbildungszentrum des Westpfalz-Klinikums über die drängendsten Hygieneprobleme.

Pflegekammer Interaktiv: Herr Jung, kann man Pflegefachpersonen denn überhaupt noch irgendetwas Neues über Händehygiene erzählen? Seit Jahren gibt es die Aktion „Saubere Hände“, es gibt Empfehlungen zur Desinfektionsmittel-Spender-Ausstattung, Schautafeln, zur korrekten Händedesinfektion in sechs Schritten und Vorgaben wann diese zu erfolgen hat…

Jörg Jung: Tatsächlich ist die mangelnde Händehygiene im Zusammenhang mit Krankenhausinfektionen noch immer das Hauptproblem. Sicherlich hat ein Umdenken stattgefunden. Die Gefahr, die von mangelnder Händehygiene ausgeht, wird auch viel mehr wahrgenommen. Das ist eine positive Entwicklung.

Doch es hapert bei der Umsetzung im Arbeitsalltag und das ist meines Erachtens in den meisten Fällen systeminduziert. Wenn die Zeit knapp ist, ist die Händehygiene oft das erste, was hintenüberfällt. Händehygiene steht bei den Verantwortlichen vieler Einrichtungen häufig nicht auf der Prioritätenliste. Dass heißt nicht, dass es sie generell nicht gibt, aber ihr wird nicht die nötige Bedeutung zugemessen.

Ich bin aber auch davon überzeugt, dass Pflegende Patienten durch das Unterlassen von Händehygienemaßnahmen absichtlich gefährden wollen. Das System fordert aber Leistungserbringung und das meines Erachtens ohne Rücksicht darauf, dass die Leistungen auch unter hygienisch einwandfreien Bedingungen erfolgen können.

Lässt sich Ihr Eindruck auch belegen?

In der aktuellen Ausgabe 8/2020 von „Die Schwester - Der Pfleger“ findet sich dazu der interessante aber auch ernüchternde Artikel „Mühsamer Kampf gegen Keime“. Trotz eines konzentrierten Hygieneprogramms ist es dem Universitätsklinikum Jena nicht gelungen, die nosokomialen Infektionen zu senken. Eine Ausnahme stellten hierbei lediglich die Intensivstationen dar. Die Aussage der Studie: Die intensiven Maßnahmen, wie Schulungen, Informationen und so weiter haben nur wenig gebracht.

Wenn Sie mich nach einem möglichen Grund dafür fragen: Weil die Arbeitsbelastung für Pflegende gleichzeitig enorm gestiegen ist. Die Rahmenbedingungen stimmen einfach nicht.

Was können Pflegefachpersonen dagegen unternehmen?

Ich würde ihnen raten, das Thema immer wieder gegenüber ihren Vorgesetzten anzusprechen. Wenn sie beispielweise in der ambulanten Pflege aufgefordert werden, an Handschuhen und Desinfektionsmittel zu sparen, können sie argumentieren, dass neben der gesetzlichen Verpflichtung auch die Zertifizierungsunternehmen Hygienemaßnahmen hohe Priorität einräumen.

Auch Personalverantwortliche tun gut daran, darauf zu achten, dass auch Zeit für die Händehygiene einkalkuliert werden muss.

Was beobachten Sie gerade jetzt während der Pandemie in puncto Händehygiene?

Die Händehygiene wird insgesamt natürlich schon ernster genommen: So wie die meisten Menschen waschen auch Pflegende ihre Hände augenblicklich im privaten Bereich häufiger. Das ist grundsätzlich auch richtig, kann aber durchaus auch negative Folgen haben. Am Arbeitsplatz nutzen sie Händedesinfektionsmittel, aber zu Hause nehmen sie hauptsächlich Wasser und Seife. Doch beruflich Pflegende müssen mit Wasser und Seife sehr vorsichtig sein, um kein Ekzem zu entwickeln.

Ich würde empfehlen, am Arbeitsplatz – bis auf definierte Ausnahmesituationen – nur Händedesinfektionsmittel zu verwenden, weil dies anders als Wasser und Seife immer Rückfetter enthalten. Zu Hause bietet sich dann an, möglichst Seife ohne Duft- und Farbstoffe zu verwenden, weil diese Komponenten hochsensibilisierend sind.

Außerdem heißt es: Hände pflegen, pflegen, pflegen! Arbeitsmediziner empfehlen dies dreimal pro Schicht. Wer das nicht schafft, tat gut daran, zumindest zu Hause so oft wie möglich Handcreme zu benutzen. Das kann auch zur Nacht erfolgen. Dann stört sie nicht und wird nicht bei nächster Gelegenheit gleich wieder runtergewaschen.

Dritter Tipp: Kaltes statt sehr warmes oder heißes Wasser verwenden.

Aber ist warmes Wasser nicht sinnvoll? Das Coronavirus ist doch hitzeempfindlich …

… es reagiert vor allem empfindlich auf Seife, weil diese seine Lipidschicht schädigt.

Es ist für professionell Pflegende wirklich ganz wichtig, die Hände zu schützen. Weil zum einen auf angegriffener Haut Händedesinfektionsmittel nicht so gut wirkt. Vor allem aber auch, weil sich ein Ekzem entwickeln kann, das im schlimmsten Fall zur Berufsunfähigkeit führt.

Zur Person

Jörg Jung ist Hygienefachkraft, Praxisanleiter, Lehrkraft und als Kursleiter der Fachweiterbildung für Hygienefachkräfte am Weiterbildungszentrum e.V. des Westpfalz-Klinikum in Kaiserslautern tätig.

Interview: Kirsten Gaede

Das könnte Sie auch interessieren...

Frau mit Brille und rot blau gesteiftem MusterPulli sitzt in einem hellen Büro
Foto: Jens Schuenemann

Patientensicherheit

„Untergrenzen bringen nichts“

Die Regierung möchte die Personalausstattung auf Station verbessern. Doch die Geschäftsführerin des Aktionsbündnisses Patientensicherheit ist skeptisch. Möglicherweise verschlechtern die seit Jahresbeginn geltenden Relationen sogar die Patientensicherheit.

Fieber messen vor jedem Dienst

„Wenn noch zwei Pflegende ausfallen, habe ich ein Problem“

Ambulante Intensivpflege in Zeiten von Corona: So meistern eine junge Bitburgerin mit kongenitaler Muskeldystrophie und ihr Pflegeteam die Krise.

Pflegekraft berührt sanft Pflegebedürftige

Konzept für Intensivmedizin

Warum Snoezelen auch auf der Intensivstation funktioniert

Das ursprünglich für schwerstbehinderte Menschen konzipierte Konzept Snoezelen erobert nach der Altenhilfe jetzt auch die Intensivstationen.

Foto: YakobchukOlena - Fotolia.com

RKI-Empfehlungen

Damit uns das Schutzmaterial nicht ausgeht

Der Umgang mit Schutzmaterial ist eine Gratwanderung: Wir wollen uns selbst und Menschen mit Pflegebedarf nicht gefährden, andererseits müssen wir wegen der Lieferengpässe sehr sorgfältig – vor allem mit Atemschutzmasken - umgehen. Das RKI zeigt Wege aus dem Dilemma