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Foto: Foto: privat
Schulkrankenschwestern wie Jana Fischer werden dringend gebraucht, denn immer mehr Kinder leiden an chronischen Erkrankungen.

Modellprojekt Schulgesundheitspflege

„Bei den Kids kann ich richtig viel bewegen“

Das Asthmaspray steht griffbereit im Schrank, mehrere Kühlpacks sowieso, Zeit für die Sorgen der Kinder bleibt auch. Eine Schulkrankenschwester hat alle Hände voll zu tun. Wie sieht ihr Alltag eigentlich aus – und wie hat er sich seit der Corona-Pandemie verändert?

„Es ist eine superschöne Arbeit, weil ich etwas bewegen kann, ganz niedrigschwellig und bevor etwas passiert“, sagt Jana Fischer. Und eine ziemlich exklusive Arbeit: Sie ist eine der beiden ersten Pflegefachpersonen in Rheinland-Pfalz, die an einer Schule tätig ist, an der Goethe-Grundschule Mainz. Jana Fischer und ihre Kollegin an der Maler-Becker-Grundschule teilen sich seit September 2018 eine Stelle und gehören zum Projekt „ikidS II – Machbarkeitsstudie zur Schulgesundheitsfachkraft“.

Rund 20 bis 30 Kinder kommen jeden Vormittag zu ihr. „Man merkt, dass der Bedarf groß ist“, berichtet die Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin, die gerade ihren Master in Public Health macht. „Es ist explodiert. Anfangs mussten sich die Schüler daran gewöhnen, dass es so etwas gibt. Jetzt geht es um viel mehr als das Pflaster auf dem Knie.“

Viele klagen über Bauchschmerzen

Kleine Verletzungen zu versorgen, ist typisch für den Alltag der „Schulkrankenschwester“, wie Jana Fischer im Alltag auch genannt wird. Häufig klagen die Kinder auch über Bauchschmerzen. 80 Prozent der Schülerinnen und Schüler waren schon bei ihr. Hat sie den Verdacht, dass hinter den Beschwerden der Kinder mehr steckt, geht sie ihren Fragenkatalog durch: „Hast du schon etwas gegessen und getrunken? Hast du Sorgen?“ Für den Fall, dass Zuhören gefragt ist, steht in ihrem Raum ein gemütliches Sofa bereit. Durch die Gespräche haben die Kinder inzwischen dazugelernt. Sie bemerken selbst, dass sie noch nichts gefrühstückt haben und sich vermutlich deshalb nicht richtig gut fühlen. Die Gesundheitskompetenz unter den Schülern ist also gewachsen.

Gebraucht wird Jana Fischer mehr als früher. 2017 wurde für mehr als jedes vierte Kind eine Diagnose gestellt, die auf eine potenziell chronisch-somatische Erkrankung hindeuten kann. Das zeigt der „Kinder- und Jugendreport 2019“ der Krankenkasse DAK. Häufigste Leiden: Allergien, Neurodermitis, ADHS, Asthma und psychische Auffälligkeiten.

Chronisch kranke Kinder im Zentrum

Das Projekt ikidS II zielt besonders auf diese gefährdeten Kinder. Inwieweit können Schulgesundheitspflegende die Versorgung chronisch kranker Kinder im Schulalltag verbessern? Dies ist die Frage, die die Forscher im Projekt ermitteln wollen. Bei der Versorgung der gefährdeten Kinder gehen die Schulgesundheitspflegenden nach einem Behandlungsplan vor, den sie mit den Eltern besprochen haben. Auch die Notfallpläne sind mit Ärzten und Lehrern abgestimmt. Jetzt ist allen klar, was bei Notfällen wie einem Epilepsieanfall zu tun ist. Das gibt Sicherheit. Die positive Resonanz belegen auch die Interviews zum Projekt. Lehrer, Kinder und Eltern sind einfach nur froh, dass es die Schulgesundheitspflegenden gibt, wie Jana Fischer berichtet.

Schnupfen und Husten gehören nun zu den heiklen Beschwerden

Die Freude, über eine der seltenen Schulgesundheitsfachkräfte zu verfügen, dürfte seit dem Beginn der Pandemie noch größer geworden sein, denn nun ist die Fachfrau als Hygienebeauftragte gefragt. Sie ist die erste Ansprechpartnerin, wenn es darum geht, die Hygienerichtlinien umzusetzen, zu prüfen, ob die Ausführung klappt, und Schülern sowie Lehrern die Hygieneregeln zu erklären und sie bei speziellen Fragen und Problemen zu beraten.

Auch die Akutversorgung von Schülern mit Erkältungssymptomen habe sich mit Corona komplett verändert, berichtet Jana Fischer. Bei jedem erkälteten Kind muss sie abwägen und einschätzen, ob es nach Hause geschickt werden soll oder in der Schule bleiben kann. Dies werde besonders jetzt in der Winterzeit die größte Herausforderung bleiben, schätzt die Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin. „Die Lehrkräfte sagen mir immer wieder, dass sie ohne eine Schulgesundheitsfachkraft total überfordert mit dieser Situation wären“, erzählt sie. „Alle Kinder mit einem Schnupfen nach Hause zu schicken, ist ja auch keine Lösung. Dann wären die Klassenräume leer.“

Infokasten: Schulgesundheitspflege – was ist das?

Schulgesundheitspflegende (School Nurses) sind in vielen Ländern gang und gäbe, etwa in Großbritannien, Finnland, Schweden, den USA und in China. In Deutschland haben fast nur die internationalen Schulen School Nurses fest eingestellt. Mit Brandenburg, Hessen, Bremen, Hamburg und Rheinland-Pfalz sind die ersten Bundesländer nun dabei, Schulgesundheitspflegende über Modellprojekte zu etablieren. In Brandenburg sind 27 Pflegefachpersonen an Schulen im Einsatz. Hamburg plant, 29 Schulgesundheitspflegende einzustellen.

Übergeordnetes Ziel ist, für gesundheitlich beeinträchtigte Kinder gleiche Bildungschancen zu schaffen. Bei chronisch kranken Kindern kümmern sich Schulgesundheitspflegende etwa um die Medikamentengabe, messen Blutzucker und achten auf Allergien und Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Sie sind die Kümmerin vor Ort, die  Maßnahmen schnell einleitet und die Verantwortlichen für eine fachgerechte Versorgung miteinander vernetzt

Es gibt in Deutschland keinen festgeschriebenen Weg, um sich als Schulgesundheitspflegende zu qualifizieren. In der Praxis zeigt sich, dass Kenntnisse in Pädiatrie, Notfallversorgung, Pub‑ lic Health und Gesundheitsförderung hilfreich sind. (hw)

Infokasten: Das Projekt ikidS

ikidS steht für: „ich komme in die Schule“. Das Projekt der Universität Mainz erforschte von 2013 bis 2017 den Zusammenhang von Gesundheit und frühem Schulerfolg. In einer zweiten Forschungsphase geht es jetzt um die Auswirkungen von chronischen Krankheiten zum Zeitpunkt der Einschulung auf den Schulerfolg, Partizipation und Lebensqualität in der dritten und vierten Klasse. Drittes Teilprojekt ist die Machbarkeitsstudie zur Schulgesundheitsfachkraft.

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